Dienstag, 26. März 2013

Sigue Sigue Sputnik - Flaunt it (1986)


Beginnen wir unsere Reise ins Land der unentgrenzten Möglichkeiten mit einem Textauszug aus "21st century boy":

Embryo, UFO, freako psycho horror show
Hips n' lips n' beauty queens
Venus ramp, sexy tramp, make up muck
My Vegas vamp.

Tiefsinnige Verse, denen man nur zu Unrecht eine Interpretation angedeihen lassen könnte. Sigue Sigue Sputnik sind ein Treppenwitz der Musikgeschichte, über den man während des Konsums ihres Erstlingswerks "Flaunt it" auch genug zu lachen hat. Willkommen im Jahr 1986, willkommen in der Zeit der Reaganomics, willkommen in einer Welt in der man über Geschmack besser nicht streiten sollte. Dies hier ist Schrott. Ganz, ganz großartiger Schrott.

Hier werden Punk, New Wave, Rock'n'Roll, Jingles, Bach und Beethoven zu auch im Suff schwer erträglichen Unfug zusammengeworfen, dass es eine wahre Freude ist. Hier regiert das sinnentleerte Zitat, oder um es mit Gerhard Polt zu sagen: Hier ist für Phantasie kein Platz mehr. Postmoderne Beliebigkeit weit vor ihrem eigentlichen Durchbruch im Mainstream.

Allein die Tatsache, dass die ersten beiden Singles ("Love Missile F1-11", "21st century boy") von der exakt selben Basslinie getragen werden, bringt deutlich zum Ausdruck, worum es hier geht. Dies ist Kommerzkacke, Musik, die einzig und allein komponiert wurde, um verkauft zu werden. Und da Geld verdienen Spaß macht, ertönen zwischen einigen Songs auf dem Album kurze Werbespots gar nicht mal so kleiner Firmen. (u.a. für "Studio Line" von L'Oreal)
Da ferner zwei Songs mit identischem Basslauf das erfolgreiche Basslineplacement nicht völlig sicherstellen, recyclet auch "Sex Bomb Boogie" den hypnotischen Achtelrhythmus der oben genannten Singleauskopplungen. Sehr umwelt- und profitbewusst, diese Engländer.

Hinter der Band verbergen sich Leute, die durchaus wissen, was sie da tun. So verdingte sich beispielsweise Tony James, seines Zeichens Hauptsongschreiber und Gitarrist, vor Sigue Sigue Sputnik bei Billy Idol als Saitenmalträtist. Wer nun aber beim Einlegen von "Flaunt it" testosteronhaltigen Penisrock erwartet, wird enttäuscht werden. Auf diesem Album trägt der Penis Perücke, hier sind Männer und Frauen auch nicht ganz das, was sie mal waren. Nachzuhören auf "She's my man", dem debil vor sich hinschwofenden Rausschmeißer.

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Natürlich bestehen zwei Drittel des Albums aus Füllmaterial, alles andere wäre konzeptverleugnend. Und natürlich gibts mit "Atari Baby" auch eine gefühlsbesudelte Ballade inklusive "ah-ah"-Choral. Gefühle werden schließlich immer groß geschrieben. Mit Edding und Glitzerstift. Vielleicht stellt "Atari Baby" aber auch einfach nur einen verklausulierten Abgesang auf die Anfang der 80er grandios zugrunde gegangene Videospielfirma dar, man weiß es nicht so genau.

Sigue Sigue Sputnik demontieren auf ihrem Debütalbum virtuos die Mechanismen, die Mitte der 80er die Musikindustrie geprägt haben, indem sie inhaltsleere, auf bloße Poserei reduzierte Miniaturen als Songs präsentieren und dabei so wirken, als hätten sie von nichts eine Ahnung und Spaß dabei. 

Rock it, Miss USA! (USA! USA!)

"Flaunt it" ist das Album, das Little Richard immer machen wollte, jedoch trotz Koks und Nutten nie zustande gebracht hat. "Flaunt it" ragt wie ein Monolith aus dem Scheißhaufen, dem es entwachsen ist.

Abschließend noch ein Zitat aus dem Lied "Massive Retaliation", das das ganze Ausmaß des Schwachfugs auf den Punkt bringt:

Infatuation baby
Inspiration baby
Moscow hit back
 (shut up, shut up)
Transformation baby
1990 baby
come on now, come on baby
hit back.
(shut up, shut up)

Massive Retaliation



"Flaunt it" ist 1986 bei Parlophone erschienen und wurde von Giorgio Moroder produziert. (Ja, genau der.)

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