Montag, 1. April 2013

Mike Oldfield, oder: 40 Jahre Niedergang (Teil 1)

"Wenn man glaubt, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her." So geht der meist wenig zitierfähige Volksmund mit ausweglosen Situationen um. Die Hoffnung wird nicht aufgegeben, ganz gleich wie zappenduster es geworden sein mag. Es besteht immer eine Chance auf Besserung.
Der Volksmund kennt Mike Oldfield nicht, andernfalls würde er seine positive Weltsicht eventuell noch einmal überdenken.

Das letzte wirklich überzeugende Album des Herrn Oldfield stammt aus dem Jahre 1990, wobei er beinahe die gesamten Achtziger damit verbracht hatte, die Welt mit Ausschussware zu beglücken, sodass wir nun schon auf beinahe dreißig Jahre Fahrstuhlmusik und noch weit größere Schrecken zurückblicken können. Doch lassen wir Graphen und Zahlen sprechen:

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Dabei hatte es eigentlich vielversprechend begonnen, damals. Anfang der 1970er-Jahre war Mike Oldfield ein schüchterner junger Mann, der von der just gegründeten Plattenfirma Virgin die große Chance erhalten hatte, in Eigenregie seine musikalischen Wunschträume zu vertonen. Und Mike ließ sich nicht zweimal bitten. Er schloss sich monatelang im Studio ein, schichtete Spur um Spur übereinander, komponierte, resignierte, redigierte nur um am Ende mit dem noch heute höchst erstaunlichen "Tubular Bells" das Studio zu verlassen und im Jahre 1973 die Herzen vieler Musikliebhaber im Sturm zu erobern.

"Tubular Bells" ist ein größtenteils instrumental gehaltenes Album, das frei zwischen minimal music, irischer Folklore und mit Elektronik experimentierenden Passagen mäandert. Allein die ersten vier Minuten des ersten Teils der Komposition sind von ikonischer Qualität. Ein ebenso minimalistisches wie eingängiges Pianomotiv legt das Fundament für sich kunstvoll überlagernde Tonspuren verschiedener Instrumente (Glockenspiel, Gitarren, Mandoline, uvm.), bereits hier zeigt Oldfield wie meisterhaft er mit Klangfarben und Dynamik zu spielen vermag. Melodien gehen nahtlos ineinander über, Spannungsbögen erstrecken sich über mehrere Tempo- und Tonartwechsel hinweg - die Vehemenz mit welcher hier komplexe Polyphonie und simplizistische Melodieführung zusammengeführt wird, zeugt von einer klaren künstlerischen Vision. Der erste Teil von "Tubular Bells" schließt mit einem mehrminütigen, auf einem treibenden Bassostinato basierenden Crescendo, an dessen Ende die titelgebenden Röhrenglocken effektvoll zum Einsatz kommen. Ein finale furioso für ein packendes Stück Musik.


Auch wenn die zweite Hälfte des Albums ein wenig abfällt, ist "Tubular Bells" eines der eigenständigsten und auch eigenartigsten Debütalben der Popgeschichte. Dass die Platte sich millionenfach verkaufte, macht die Sache umso eindrucksvoller. Oldfield hatte Virgin zu einem gelungenen Start verholfen und sich selbst zur Kultfigur gemacht. Vom eigenbrödlerischen Genie, das manisch ganze Nachte im Studio experimentiert und dabei zahllose Instrumente und Tonbänder verschleißt, war die Rede. "The King of Overdubs" war gekrönt.

Das Nachfolgealbum "Hergest Ridge" übernahm konsequent einige Stilmittel (zwei lange Parts, minimalistische Leitmotive, Röhrenglocken, Crescendi) des Debüts, ohne dabei als bloßer Aufguss daherzukommen, im Gegenteil: Während auf "Tubular Bells" die zahlreichen, meist sehr kurzen Motive in rascher Folge aneinandergereiht wurden und sich stellenweise sogar überlagerten, nimmt sich das zweite Album viel Zeit. Die wenigen Hauptmelodien werden gefühlvoll über mehrere Minuten hinweg entwickelt, das Arrangement lässt trotz teils üppig orchestrierter Abschnitte genügend Räume für einzelne Instrumente und deren Klangeigenschaften. (man höre hier z.B. die Oboe in der Mitte des ersten Teils) "Hergest Ridge" ist Oldfields rundestes Album, selbst der im letzten Viertel des Werks unvermittelt losbrechende "Thunderstorm", für den angeblich siebzig Gitarrenspuren übereinandergelegt wurden (s.o.), wirkt nicht wie ein Fremdkörper. Die pastorale Stimmung, die dem Album innewohnt, sucht ihresgleichen. Nie war Oldfield ergreifender als auf "Hergest Ridge".


(Hörtipp: Besorgt euch unbedingt den Originalmix von 1974; auch wenn dieser an einigen Stellen etwas roher daherkommt, ist er insgesamt dynamischer und unmittelbarer als spätere Mischungen.)

Da auch Platte Nummer zwei die Spitze der UK-Charts erklimmen konnte, war Mike Oldfield nun ein veritabler Star. Der Musiker, der zu jener Zeit gerade einmal zwanzig Jahre alt war, weigerte sich aber noch immer standhaft, das Licht der medialen Öffentlichkeit zu suchen. Nach einer zu vernachlässigenden orchestralen Neufassung des Debüts, die jedoch als erster Vorbote späterer Untaten gesehen werden kann, widmete sich der Multiinstrumentalist der Produktion seines dritten Werkes, welches auf den Namen "Ommadawn" hören sollte und im Jahr 1975 veröffentlicht wurde. 

Zu den ohnehin bis dato prägenden folkloristischen Einflüssen gesellten sich nun erstmals perkussive Elemente, die in Verbindung mit an afrikanische Gesänge erinnernden Chorpassagen für Spannung sorgten. Auf "Ommadawn" regiert die Zerissenheit. Ungezügelt fröhliche Volksweisen werden im ersten Teil von minutenlangen Synthesizerattacken kontrastiert, ehe sich das Stück in einem der Ekstase zustrebenden Veitstanz verliert. Den dramatischen Höhepunkt liefert Oldfields entfesselt jaulende Gitarre, deren unverkennbarer Sound sich tief in die Gehörgänge des mitfiebernden Hörers fräst. In der zweiten, insgesamt etwas ruhigeren Hälfte des Albums wartet Oldfield dann mit einer weiteren Überraschung auf: Am Ende erklingt der Song "On a horseback", ein schlichtes kleines Folkstück inklusive Kinderchor, welches von den Freuden des Ausreitens berichtet. Das klingt nicht nur verschroben, das ist es auch. Aber gerade im Kontext der zuvor erklungenen, sehr dichten und auch anstrengenden Komposition ist "On a horseback" Ton gewordenes Aufatmen.



"Ommadawn" ist der leider viel zu früh gekommene Höhepunkt des Schaffens Mike Oldfields. Das Album beinhaltet alle stilprägenden Elemente seiner Musik, ohne sich wie spätere Werke in ernüchternder Biederkeit zu gebärden. Vom nach 1980 akut um sich greifenden Ideenmangel, der in peinlichen Selbstplagiaten gipfeln sollte, reden wir besser auch noch nicht. Das Lächeln, das man nach dem Hören der ersten drei Oldfield-Alben im Gesicht trägt, wird nämlich noch früh genug vom Gesicht verschwinden müssen.

Mit seinem vierten Longplayer "Incantations" beschritt der Engländer 1978 ein weiteres Mal neue Wege, ohne seinen bisherigen Stil zu verleugnen. "Incantations" ist mit über 70 Minuten Spielzeit das längste Oldfield-Album, es besteht aus vier langen Instrumentaltiteln. Im Gegensatz zu den dramatisch arrangierten Vorgängern regieren auf "Incantations" Rhythmus und Textur. Näher als hier sollte Mike Oldfield Philip Glass und Steve Reich nicht mehr kommen. Jedes Stück der Suite wird von einem äußerst simplen Hauptmotiv eingeleitet, dieses Motiv wird häufig über mehrere Minuten sequentiell variiert. Die Musik ist repetitiv und manchmal fast schon statisch, wodurch nicht mehr die melodische Progression sondern andere Faktoren wie z.B. das Spiel mit der Harmonie in den Vordergrund treten. Für theoretisch interessierte Hörer stellt "Incantations" sicherlich Oldfields spannendstes Album dar, führt es doch den unverkennbaren Oldfield-Stil mit Elementen der Neuen Musik zusammen...


Hier endet der erste Teil meiner Oldfield-Retrospektive. Der nächste Teil wird sich der Hinwendung zum Pop Ende der 70er und dem schleichenden Abstieg währender der 80er widmen. Zum Abschluss dieses Parts noch ein wenig graphisches Bonusmaterial: