Mittwoch, 10. April 2013

Depeche Mode - Delta Machine (2013)

5/10

Fallen wir mal einer Tür in die Mehrzweckhalle: Auch wenn ein Großteil des Feuilletons das neueste Werk des englischen Trios feiert, stellt "Delta Machine" für mich einen der Tiefpunkte der mittlerweile dreißig Jahre währenden Karriere von Depeche Mode dar. Wohlgemerkt: Einen der Tiefpunkte, nicht die ultimative Katastrophe. Angesichts der so glorreichen Vergangenheit der Band scheint mir jedoch gerade die Mittelmäßigkeit am schmählichsten zu sein. Dieses Album macht ja nicht mal wirklich betroffen - es ist einfach nur schrecklich egal.

Dabei hat die Gruppe mit "Delta Machine" zumindest wieder einmal einen prägnanten Albentitel gewählt (nach dem...weniger famosen "Sounds of the Universe"), und der Opener "Welcome to my world" gefällt mit dumpfem Dröhnen und minimalistischer Melodieführung. Doch schon schon bei "Angel" offenbart sich das ganze Dilemma. Dave Gahan röhrt wie zu "Condemnation"-Zeiten, nur leider will das an Martin L. Gores jüngste Solo-Eskapaden ("VCMG") erinnerde Synthiegeknarze nicht recht zu dem überkandidelten Soulgegröhle des Frontmannes passen. In der Mitte des Songs klafft ein riesiges Loch, das auch der melancholische Refrain nicht stopfen kann.

"Delta Machine" will - wie der Titel bereits vermuten lässt - die beiden tragenden Elemente des Depeche-Mode-Sounds zusammenführen: Die seit "Violator" offen zur Schau gestellte Liebe zu Blues und Soul und die schon immer prominente manische Elektronikbastelei sollen also (wieder einmal) zusammenfinden. Welch hehres Ziel, welch grandioses Scheitern. Vielleicht sind es die größtenteils zahnlosen Synthieklänge, vielleicht auch die mangelnde Einprägsamkeit der meisten Lieder, die den Zugang zum Album so erschweren, vielleicht ist es aber auch das Fehlen wirklich neuer Impulse.

So suhlt sich "Secret to the end" in "Songs of faith and devotion"-Reminiszenzen (die Gitarre in der Bridge!), und kontrastiert diese Einflüsse mit den minimalistisch-sphärischen Synthieflächen der jüngeren Alben. Das stoisch groovende Finale des Songs rettet, was zu retten ist - aber auch nicht viel mehr. Hängen bleibt da jedenfalls nicht viel.

Dass es besser hätte enden können, zeigt das blubbernde "My little universe", in dem Gahan ausnahmsweise mal nicht den brünftigen Zögling von Huey Lewis gibt, sondern sich in Zurückhaltung übt. Die herrlich trockene Schlussabfahrt im Acid-House-Stil setzt dem Ganzen dann die wohlverdiente Krone auf. Auch die erste Singleauskopplung "Heaven" weiß durchaus zu gefallen, gerade in der reduzierten Liveversion, die die Band zum Release der Platte ins Netz stellte:


Wenn aber eine Band, die bis vor wenigen Alben nahezu ausschließlich Hits geschrieben hat, sich auf Albenlänge der Belanglosigkeit preisgibt, schmerzt das. Die Dunkelheit, die früher Songs wie "Sister of night" innewohnte, sucht man auf "Delta Machine" fast vergebens. Stattdessen bekommt man abgeschmackte Geisterbahnbeschallung im 6/8-Takt ("Slow"), oder gar pure Langeweile ("Broken", "Should be higher") präsentiert.

Ein hauptberuflicher Beschöniger mag vielleicht Wege finden, sich Machwerke wie "Soft Touch / Raw nerve" gefällig zu biegen, ich schaffe es nicht. Alles, was ich hier höre, ist ein schlecht geklautes Motiv von "Beside you in time" von Nine Inch Nails, das so bedeutungsgeschwängert wurde, dass man es abtreiben möchte. ("oh brother, give my your helping hand, oh brother, tell me you understand!") How about no?

Man muss Depeche Mode durchaus zugutehalten, dass sie noch immer eine der wenigen Bands der Achtziger sind, die nicht gänzlich irrelevant und / oder peinlich geworden sind. Nur dieses besondere Talent für große Melodien ist ihnen abhanden gekommen, wenngleich es an manchen Stellen immer noch aufblitzt. ("Alone", "The Child inside") Während jedoch früher diese Melodien über den Arrangements thronten, werden sie heute schamlos kaputtproduziert. Wo ist sie hin, diese entwaffende Klarheit früherer Aufnahmen? Man höre "Policy of truth" und weine.

Dass selbst das mit der Peinlichkeit in Zukunft noch so eine Sache werden könnte, zeigen die letzten beiden Songs des Albums: "Soothe my soul" und "Goodbye" klingen nach B-Seiten einer Depeche Mode-Coverband - wenn man nett sein möchte. Wenn man ehrlich ist, sind diese Songs schlicht grausam. Leiernd, dröge, uninspiriert.

"Delta Machine" macht traurig, denn es ist das erste Depeche Mode-Album seit sehr langer Zeit, bei dem man schon beim zweiten Hördurchlauf Songs skippt. Und es ist das schlechteste Depeche Mode-Album seit "A broken frame". Und das ist 31 Jahre alt.

"Delta machine" ist 2013 bei Sony Music erschienen und wurde von Ben Hillier produziert.