Montag, 1. April 2013

Musik non stop - Ein Streifzug durch gegenwärtiges Hören

1. Illegal, scheißegal

Erinnern wir uns zurück. Vor ca. 10 Jahren war der Aufruhr groß, als Lars Ulrich sich anschickte, die Downloadplattform Napster mit Schimpf und Klage zu Fall zu bringen. Der illegale und vor allem kostenlose Konsum teuer produzierter Musik stieß nicht nur dem Metallica-Drummer sauer auf, auch viele große Platten- und Vertriebsfirmen kämpften gegen das wuchernde Geschwür. Was in den Achtzigern das Hometaping war, hieß nun Filesharing.

Das Breitbandinternet war gerade dabei, sich durchzusetzen und für jedermann bezahlbar zu werden, sodass die Zeiten gefühlt tagelanger Downloads der Vergangenheit angehörten. Plötzlich war es möglich, ganze Alben binnen weniger Minuten in digitaler Form auf seine Festplatte zu befördern. Die immense Popularität, der sich Seiten wie Napster oder KaZaA erfreuten, sorgte nicht zuletzt dafür, dass sogar in den traditionellen Medien über das Internetphänomen berichtet und zum ersten Male die Frage nach einer eventuellen Medienrevolution formuliert wurde...

Seien wir altmodisch und spulen einige Jahre vor. Wir schreiben das Jahr 2008, über Filesharing redet kaum noch jemand. Die oben genannten Plattformen existierten längst nicht mehr in ihrer Urform. Nicht nur zahllose Gerichtsprozesse gegen die Seitenbetreiber sorgten für den Niedergang des peer to peer-Sharings, sondern auch die Tatsache, dass man sich als User solcher Angebote schlicht nicht mehr sicher fühlen konnte. Zu einfach war es geworden, dem fleißig Teilenden auf die Schliche zu kommen. Das geflügelte Wort vom "Abmahnwahn" machte die Runde. Große Unterhaltungskonzerne versuchten beinahe schon verzweifelt, legale und selbstredend kostenpflichtige Angebote zum Erwerb von Musik auf dem Markt zu platzieren. Auch wenn sich manche Firmen durchaus zu behaupten wussten (allen voran natürlich Apple mit iTunes), blieb das Grundproblem erhalten: Nur wenige Menschen waren dazu bereit, für den Download einiger Dateien einen ähnlich hohen Preis wie für althergebrachte Tonträger zu entrichten.

Auf der dunklen Seite der Macht waren an die Stelle der Filesharingseiten sogenannte One-Click-Hoster getreten (i.F. OCH). Zu besonderer Verbreitung und Prominenz hatten es die DIenste Rapidshare und Megaupload gebracht. Im Gegensatz zu den P2P-Netzwerken war hier die Gefahr, ertappt zu werden, für den Downloader verschwindend gering - einzig diejenigen, die in größerem Stile Dateien ins Netz hochluden, setzten sich einer gewissen Gefahr aus. Nahezu jeder der in jener Zeit zahllos aus dem Boden sprießenden OCH bot interessierten Kunden Premiumaccounts zum Kauf an. Diese Accounts ermöglichten meist schnellere Downloadgeschwindigkeiten und das parallele Herunterladen mehrerer Dateien. Es mag wie Hohn erscheinen, dass viele Menschen hier plötzlich dazu bereit waren, für ein digitales Gut Geld zu entrichten, aber das nahezu unendliche Angebot, auf welches man über einschlägige Foren zugreifen konnte (und immer noch kann), rechtfertigte für viele Gesetzesbruch und Geldverlust.

Welche Dimensionen das Geschäft mit dem Filehosting zeitweise angenommen hatte, zeigt besonders anschaulich der Fall Megaupload / Kim Schmitz. Im Jahr 2012 erhob das Justizministerium der USA Anklage gegen das Unternehmen, u.a. wegen Urheberrechtsverletzung, Geldwäscherei und dem Bilden einer kriminellen Vereinigung. Auch wenn der Prozess wegen Verfahrensfragen und Unregelmäßigkeiten bei der Anklageerhebung bisher nicht wirklich ins Rollen gekommen ist, zeigte allein die Schließung sämtlicher Websites von Megaupload (u.a. auch Megavideo), dass auch OCH nicht gänzlich vor der Macht der Behörden sicher waren. Kurz vor seiner Zerschlagung hatte das Unternehmen angeblich einen Umsatz von 175 Millionen zu verzeichnen - Peanuts sehen anders aus. Andere Filehoster wie Rapidshare, uploaded, oder Share-Online haben sich bisher geschickter als Megaupload aus der Affäre gezogen, weswegen sie sich bei der interessierten Nutzerschaft noch immer großer Beliebtheit erfreuen. Selbst der von der Justiz verfolgte Megaupload-Gründer Kim Schmitz hat Anfang diesen Jahres mit dem Dienst MEGA.co.nz ein bis dato eher mittelmäßig erfolgreiches Comeback gestartet.

2. Musik für alle (von allen?)

Parallel zu den offen illegalen Praktiken hatte sich Mitte des vergangenen Jahrzehnts YouTube zu einem beliebten Ort für den Musikkonsum entwickelt - auch wenn viele Videos meist nur in höchst mangelhafter Tonqualität verfügbar waren. Wer mit den qualitativen Einschränkungen klarkam, besaß mit YouTube Zugriff auf eine gigantische Jukebox. Vielen Leuten zwischen zwanzig und dreißig dürfte jener fatale Moment auf Partys bekannt sein: Die Stimmung ist gut, der Computer ist an, die Internetverbindung steht. Irgendein leicht angeheiterter Zeitgenosse beschlagnahmt Maus und Tastatur und beginnt den Reigen: "Hört euch das Lied mal an!", "Kennt ihr das?", "Das hier ist auch geil!". Dass selten mehr als die Hälfte der Partygäste die Lieder des ad hoc-DJs wirklich hören wollen, ist in jenem Augenblick egal - im Gegensatz zur althergebrachten Plattensammlung ermöglicht YouTube eine unmittelbar jeder Situation anpassbare Musikgestaltung bei gigantischem Repertoire und bietet gerade in Verbindung mit den mehr oder weniger gelungenen Videos schier endloses Unterhaltungspotential.

Doch das von vor einigen Jahren vom Google-Konzern geschluckte YouTube besitzt mächtige Feinde, gerade hier in Deutschland. Die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (kurz: GEMA) wird nicht müde, gegen das lotterhafte, urheberrechtsverletzende Gebaren im Internet vorzugehen. Und so kommt es, dass man bis zum heutigen Tage in schöner Regelmäßigkeit lesen darf, dass "dieses Lied in deinem Land leider nicht verfügbar ist". Dass man dieses Problem relativ schmerzfrei durch Proxys umgehen kann, ändert nichts an der Tatsache, dass noch Allzuvieles im Argen liegt und zwischen Rechteinhabern, Künstlern und Konsumenten bisher kein grüner Zweig wachsen konnte.

Der deutsche Sänger und Autor Sven Regener ließ sich vor ungefähr einem Jahr während eines Radiointerviews diesbezüglich zu einer wahren Tirade hinreißen. In deren Verlauf äußerte er emotional seinen Unmut über die schöne, neue, möglichst kostenlose Musikwelt und offenbarte sein Selbstverständnis als "Berufsmusiker". Noch immer ist es der Traum vieler Nachwuchskünstler, eines Tages ihren Lebensunterhalt ausschließlich durch ihre Kunst bestreiten zu können. Dass hier Mechanismen greifen, die nicht selten in Selbstprostution enden, fällt allerdings leider häufig unter den Tisch. Musik kann ernähren, jedoch gelingt es nur den technisch Versiertesten, bzw. den psychisch Anpassungs- und Leidensfähigsten den langen und steinigen Weg bis zur relativen materiellen Sicherheit zu beschreiten.

Die mediale Revolution der letzten Jahrzehnte hat indes den Dilettanten ins Licht geholt. Heute muss man nicht mehr jahrelang auf einem Instrument ausgebildet worden sein, um Musik machen zu können. Allein die Möglichkeiten, die der Computer bietet, erlauben es jedem, der halbwegs funktionierende Hörorgane besitzt, eigene Werke zu komponieren. In Verbindung mit dem Aufmerksamkeitsrudelbumsen, das sie Internet nannten, scheint die heutige Situation alternativlos. Zahllose Menschen wollen nun also gehört werden, sie vernetzen sich auf Plattformen für Musiker, sie posten Videos, erstellen Profile bei facebook, Google+ und all den anderen Social Networks, sie tun beinahe alles, um dem luftleeren Raum des Ungehörtseins zu entfliehen. Die Zeit der elitären Insiderzirkel ist vorbei, die Zeit der Genieästhetik hoffentlich ebenso. Es ist bunt und grau zugleich geworden.

3. Neue Vielfalt

Heute ist der Musikmarkt so vielfältig wie noch nie. Neben den sich trotz allen Unkenrufen noch immer passabel verkaufenden physischen Tonträgern (besonders die LP hat in den letzten Jahren in bestimmten Kreisen ein erstaunliches Comeback gefeiert), sind die Konsumenten tatsächlich mittlerweile bereit, auch für digitale Downloads ein paar Euro locker zu machen. Seit 2010 sind neben den Seiten, auf denen Dateien gekauft werden können, auch etliche legale Streamingplattformen entstanden, z.B. Spotify, Grooveshark oder Simfy. (Eine Übersicht über die derzeitig konkurrierenden Anbieter findet ihr hier: http://t3n.de/news/alternativen-spotify-358122/)

Im Gegensatz zum tatsächlichen Download einer frei verwendbaren Datei werden hier die Daten lediglich "on demand" gestreamt. Dies hat den Nachteil, dass man bei den meisten Anbietern offline keinerlei Zugriff auf die angebotene Musik hat. Der wohl größte Vorteil der Streamingportale ist dagegen deren gigantisches Angebot. Für einen geringen monatlichen Obolus (normalerweise zwischen 5 und 10 Euro) kann man, ohne von Werbung behelligt zu werden, auf mehrere Millionen Songs zugreifen. Bis auf wenige Ausnahmen findet man beispielsweise auf Spotify nahezu alles aus Pop, Rock, Indie und auch Klassik, was Rang und Namen hat. Selbst unbekanntere Künstler sind leicht aufzuspüren, sofern sie einem Label angehören, das mit dem Streaminganbieter kooperiert. Etliche kostenlose, in die Software integrierte Apps, die beispielsweise bei der Suche nach thematischen Playlists helfen, runden das doch sehr positive Gesamtbild ab.

Ob sich das Streamingmodell finanziell für alle Beteiligten rechnet, kann bisher nicht mit Gewissheit beantwortet werden. Fest steht, dass zumindest die Anbieter durch Kunden, die bereit zur Bezahlung monatlicher Gebühren sind, ihr Angebot aufrecht erhalten zu können scheinen. (vgl. diese Website) Gesetzt den Fall, dass auch die Künstler ausreichend Geld von Seiten der Firmen erhalten, könnte das legale Streaming gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Illegale Angebote würden an Attraktivität einbüßen und dem Anspruch der Künstler auf finanzielle Vergütung ihrer Mühen wäre ebenso entsprochen. Schließlich dürfte es langfristig auch für unbekanntere Musiker nicht uninteressant erscheinen, sich beim Online-Vertrieb ihrer Songs der Streamingportale zu bedienen, da sie nicht mehr auf die Hilfe großer und schwerfälliger Labels angewiesen wären.

Eine obskure Randerscheinung, die hier nicht unerwähnt bleiben soll, ist der Handel mit "gebrauchten" MP3-Dateien. Da ja mittlerweile die meisten Musikdownloadportale DRM-freie, bzw. nicht kunden- oder gerätegebundene Dateien anbieten, sind findige User auf die Idee gekommen, ihre alten Files ganz legal im Stile ebays an Dritte weiterzuverkaufen. (z.B. auf https://www.redigi.com/) Lassen wir uns das Ganze noch einmal auf der Zunge zergehen. Gebrauchte Dateien. Während real existierende Gegenstände mit der Zeit Gebrauchs- und Verschleißspuren aufweisen, überdauern Dateien die Jahre unbeeindruckt. Sie werden selbstverständlich "billiger", da beim Weiterverkauf weniger Parteien mitverdienen müssen, jedoch bleibt offensichtlich, dass eine Datei nahezu ohne Kosten vervielfältigt und verteilt werden kann, ohne dabei irgendeinen Schaden zu nehmen. Letzten Endes befriedigt man also als Käufer einer solchen Datei primär den Vorbesitzer und das eigene Gewissen.

Nicht zu vernachlässigen ist ferner, dass sich das Konsumverhalten der Hörerschaft innerhalb der letzten Jahre stark verändert hat. Musik kann heute immer und überall gehört werden, Smartphones und MP3-Playern sei Dank. In Verbindung mit einem mobilen Internetzugang erschließen sich hier fast schon unbegrenzte Möglichkeiten. Während man früher mühsam zur Musik gelangen musste, kann man heute jederzeit per Knopfdruck (oder mehr oder weniger eleganter Wischgeste) zum Lied seines Begehrens gelangen. Selbst das lange ins Feld geführte Argument der mangelhaften Tonqualität von MP3-Dateien scheint heute nur mehr bedingt haltbar - die hohe Übertragungsgeschwindigkeit und die große Speicherkapazität mobiler Endgeräte lässt auch das Streamen hochqualitativer Formate zu, sodass auch den Bedürfnissen audiophiler Konsumenten Genüge getan werden kann.

4. Gegenstimmen und Hoffnungsbekundungen

Also alles super? Wie man's nimmt. Manche Traditionalisten beschweren sich über die entmenschlichte Kühle der neuen Musikwelt. Vorbei scheinen die gemütlichen Zeiten des verstöberten Nachmittags im Plattenladen, ja einige sehen sogar die Ära des Plattensammlers am Ende. Dass es neben den hier obligatorisch zu nennenden DJs jedoch noch zahlreiche Vinylfetischisten gibt, die nicht müde werden, ihre geliebten Tonträger umzusortieren, wird hier sträflich ignoriert. Sammler wird es aller Voraussicht nach noch sehr lange geben.

Musik verkomme zum Fast Food, wer nur noch zwischen Tür und Angel höre, wisse die beinahe meditative Erfahrung des bewussten Genießens von Musik nicht mehr zu schätzen. So oder so ähnlich argumentieren jene, die sich bzgl. des derzeitigen Wandels kritisch positionieren. Und ein wenig Wahrheit mag da schon enthalten sein, wenngleich häufig vergessen wird, wie die breite Bevölkerung ihre Musik am liebsten hört, nämlich nebenbei. Anders formuliert: Die Masse lässt sich sowieso lieber berieseln, als sich bewusst mit einem Musikstück auseinanderzusetzen. Für diese Zielgruppe macht es jedoch schlicht keinen Unterschied, ob sie ihre Lebensabschnittsbeschallung per Download, CD oder UKW-Radio erhält.

Der Verlust visueller und haptischer Komponenten wiegt sicherlich schwerer, gerade auch im Hinblick auf die ganz eigene Kunstform des Plattencovers. Ein beliebig vergrößer- und verkleinerbares JPEG-Bildchen kann eine ertastbare Papphülle niemals ersetzen. Aber vielleicht muss auch die Verbindung zwischen visueller Rahmengestaltung und musikalischem Kerngeschäft insgesamt aus einer neuen Perspektive betrachtet werden. Die Technik lässt mehr zu als Winamp-Visualisierungen. Und gerade nach dem traurigen Ende des traditionellen Musikfernsehens ist ein Vakuum entstanden, das derzeit hauptsächlich durch sich an der Bildsprache des althergebrachten Videoclips orientierenden Filmchen, die man auf YouTube, vimeo oder myvideo aufrufen kann, eher unzureichend befüllt wird.

Besonders interessant ist schließlich, dass die Popularität von Live-Konzerten in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Trotz teils horrender Ticketpreise sind alle großen Musikfestivals stets ausverkauft, und auch viele mittelgroße Bands füllen Hallen, die sie vor 20 Jahren nie und nimmer vollbekommen hätten. Diese Suche nach Authentizität, nach Nähe zu den Erschaffern der geliebten Musik mag damit zu tun haben, dass wir unser Leben mittlerweile durch einen Schleier der Medialität wahrnehmen. Die entgrenzte Welt des Internets verlangt fast zwangsläufig nach einem Gegenmoment, einer geerdeten und in der Vergangenheit verwurzelten Form des Hörens. Wie es mit der Erfüllung jener Sehnsüchte aussieht, steht selbstverständlich auf einem anderen Blatt Papier. Wer schon einmal auf einem großen Festival gewesen ist, weiß sicher, wovon die Rede ist.

Dieser Text möchte sich nicht anmaßen, Abgeschlossenheit suggerierende Urteile zu den geschilderten Prozessen abzugeben. Ein gesundes Maß an Skepsis scheint angebracht, gerade in Bezug auf die noch immer nicht zufriedenstellend beantwortete Frage nach der Rolle des Urhebers und etwaiger zu schützender Rechte. Dieser hier nur am Rande angeklungene Problemkomplex böte sicherlich einen Anlass, ebenfalls in diesem Blog diskutiert zu werden. Fest steht, dass wir in einer Umbruchszeit leben. Einer Zeit, die nicht nur unsere Hörgewöhnheiten über den Haufen geworfen hat.

Es gilt wohl, das genaue Hinhören nicht zu verlernen. Dies mag ob der Kakophonie, die im Zeitalter des Internets auf uns hereinbricht, schwierig erscheinen, doch unmöglich ist es sicher nicht.