Mittwoch, 10. April 2013

David Bowie - Low (1977)


Vorbemerkung: In der Kategorie "Inselmaterial" spreche ich über meine ganz persönlichen Lieblingsalben. Wer hier historisch informierende Rezensionen sucht, ist definitiv an der falschen Adresse. Hierfür empfehle ich ein Abonnement einer Musikzeitschrift freier Wahl. (Oder den Besuch von allmusic.com) Ich erinnere mich ans Hören, lose schreibend.

Empfehlung: Erst die A-Seite hören, dann während der B-Seite den Text lesen.

Es ist verdammt kalt an diesem Ort, der Lärm und Beton atmet. Zugig ist es, und ich grabe meine Hände tiefer in die Taschen meiner abgetragenen Winterjacke. Ich beschließe, mir einen trockenen Platz zum Sitzen und Starren zu suchen. In meinen Ohren hallen ferne Geräusche der Wirklichkeit wider, Erinnerungen an jene Wüste, die ich meine Heimatstadt nannte. Die Wüste, die ich bald hinter mir lassen werde, sofern es mir gelingt, einen Weg zu finden. Aber zunächst gilt es, sich einen Unterschlupf zu suchen und sich nicht dabei erwischen zu lassen.

"Warszawa" erklingt von irgendwoher, vielleicht aus glücklicheren Zukünften. Ich erhasche einen kurzen Blick auf den blauen Himmel, bevor sich die Wolke aus Asche und Staub erneut schließt und jedes Sonnenlicht verschluckt. Wer hat diese Stadt erbaut? Und warum bin ich noch immer nicht Vergangenheit? Mit geschlossenen Augen taste ich mich an einer aus der Mitte meines Lebens ragenden Mauer entlang, bis ich eine kleine Nische finde, in welche ich mich verkriechen kann. Was mache ich hier?

"Art decade". Dabei hatte es sich gestern noch so gut angefühlt, sich fallen zu lassen. Nicht nur in irgendwelche Arme, das genügt mir schon lange nicht mehr, nein, ich fiel tiefer, endgültiger. Ich war mir sicher, endlich angekommen zu sein, endlich ausgebrochen zu sein aus dem ewig währenden Zyklus. Dämmern und leuchten, dämmern und leuchten. Bis hin zu einer Auslöschung, über deren genaueren Ablauf noch zu sprechen sein wird.

"Weeping wall". Ist das mein Herz, das so unruhig schlägt, oder ist das nur eine Vibration, die von den großen Maschinen hervorgerufen wird? Ich möchte schreien, so sehr schmerzt mich der Gedanke an die vergangene Nacht. Ausgebrochen waren wir, nicht ich, wir! Aus dem Sumpf, dem Einheitsbrei. Wie Künstler, richtige Künstler, fühlten wir uns. Um uns herum Kreischen, Heulen und Hoffen und wir... ich spüre, dass ich den Tränen nahe bin. So bunt hatte alles gewirkt. So echt.

"Subterraneans". Vielleicht müssen wir uns noch eine Weile gedulden, ich und die Stadt. Ein Loch graben, in welchem wir auf die Sonne warten können. Klang und Vision, das war es gewesen! Wir hätten die Welt auf den Kopf stellen können, wenn wir durchgehalten hätten, hörst du? Hörst du mich?

Alles weg, alles umsonst. Ich hätte vielleicht nicht so weit gehen dürfen, ich hätte meiner Angst nicht auf diese Weise Ausdruck verleihen dürfen.

Ich vergesse mein Gesicht und lasse meiner Trauer freien Lauf. Wenn ich hier bleibe, merkt niemand, dass ich verschwunden bin.