Mittwoch, 11. Juni 2014

100 Songs (80 - 71)

Ist das heiß draußen! Selten bot es sich mehr an, den Tag am Schreibtisch zu verbringen. Vorhang auf für zehn weitere Lieblingslieder:

80 Marlene Dietrich (u.a.) - Lili Marleen

"Lili Marleen" ist das mit Abstand älteste Stück, das es in meine Liste geschafft hat. Der Song hat eine ebenso wechselvolle wie faszinierende Geschichte hinter sich. Das Lied ist untrennbar mit dem zweiten Weltkrieg verbunden und wurde sowohl seitens deutscher Soldaten als auch von Militärs der Alliierten gehört und gesungen. Dass es sich bei "Lili Marleen" nicht um einen jener grauenhaften Propaganda-Schlager handelt, gilt es hervorzuheben. Melancholisch ist der Chanson, der u.a. von Marlene Dietrich, Greta Garbo und Anne Shelton gesungen wurde. Noch heute haftet der Komposition eine eigentümliche Zeitlosigkeit an. Leider.

79 Tori Amos - Northern Lad

"Northern Lad" ist angesichts der umfangreichen Diskographie und der zahlreichen prominenteren Songs von Tori Amos sicherlich eine eher überraschende Wahl. Genauso gut hätten hier "Horses", "Winter" oder "Hotel" stehen können. Warum also "Northern Lad"? Die Ballade, die auf Toris letztem wirklich uneingeschränkt tollen Album "From the choirgirl hotel" enthalten war, ist sicher nicht der spektakulärste Song aus der Feder der rothaarigen Pianistin. Aber gerade die Einfachheit und Unmittelbarkeit macht "Northern Lad" zu einem echten Kleinod. Die wundervolle Gesangsmelodie tut ihr Übriges dazu.

78 Oma Hans - Ideale Fadenkreuze

Mit Oma Hans verbinde ich ganz persönliche Erinnerungen. Zu meiner Schulzeit war die Band eine Art Geheimtipp im erweiterten Freundeskreis, und obwohl ich eigentlich ansonsten eher wenig mit deutschsprachigem Punkrock anfangen konnte, begleitete mich die Kapelle um das Multitalent Jens Rachut seitdem durchs Leben. Zudem handelt es sich bei der Musik von Oma Hans - übrigens einer der tollsten Bandnamen überhaupt - nicht um generischen Stumpfpunk, sondern um cleveren Krach, der auch bzgl. der Texte absolut einzigartig ist. Begleitmusik zum Biersaufen ist das auf jeden Fall nicht. Die Verweigerungshaltung, für die Rachut und so ziemliche alle Bands des Schiffen-Labels stehen, duldet keine Identifikation. Weder besoffen noch nüchtern.

77 The Chemical Brothers - Asleep from day

Dieses Lied werden wohl nur wenige von euch kennen. Ein ruhiges, leicht trippiger Ausflug in die Tagträumerei, gesungen von der wundervollen Hope Sandoval. Die Chemical Brothers waren während ihrer Hochzeit weit mehr als nur schnöde Big-Beat-Afficionados - besonders ihre Alben "Surrender" und "Come with us" enthalten einige sehr packende Tracks. "Asleep from day" ist eines der ruhigsten Stücke des englischen Duos, gleichzeitig ist es aber auch ein Beweis dafür, dass auch mit simplen Mitteln eine extrem dichte Atmosphäre erzeugt werden kann. Brian Eno, dessen Werk in Sampleform gehuldigt wird, stand hier Pate.

76 New Order - Blue monday

Das Eis ist dünn. "Blue monday" in einer Lieblingsliederliste zu haben, ist ungefähr so mutig wie Bayernfan zu sein. Aber ginge es mir um die bloße Darstellung meines musikalischen Horizonts und nutzlosen Faktenwissens, würden sich ohnehin ganz andere Lieder in dieser Liste tummeln. Hits sind daher nicht verboten - schon gar nicht, wenn sie, obwohl sie bereits 30 Jahre auf dem Buckel haben, noch immer fast staubfrei daherkommen. "Blue monday" ist tatsächlich eine Blaupause für ein ganzes Genre, nämlich das des Electropop. Selbst die elektronische Tanzmusik, die Ende der Achtziger die Welt erobern sollte, schielt hier bereits um die Ecke. Das Adjektiv "visionär" wird viel zu oft benutzt, hier ist es jedoch absolut angebracht.

75 Sport - Newton
Das Debüt der deutschen Noiserocker hieß seinerzeit "Aufstieg und Fall der Gruppe Sport". Ein sperriger, aber prophetischer Titel: Anfangs als Hoffnungsträger der deutschsprachigen Rockmusik gefeiert, verlor die Gruppe relativ schnell den Fokus und lieferte nach dem grandiosen Debüt nur noch Durchschnittskost ab. "Newton" war der Eröffnungstrack des Debütalbums, und gehört zweifellos zu den Besten seiner Zunft. Die Gitarren bratzen, das Schlagzeug donnert. Sonderlich filigran ist das natürlich nicht, aber für jemanden wie mich, der eine Schwäche für übergewichtige Gitarrenriffs hat, genau das Richtige.

74 Kanye West - Hold my liquor
Über diesen Song habe ich ja bereits in meiner Retrospektive zum Musikjahr 2013 geschrieben. Und meine Meinung bleibt bestehen: "Hold my liquor" ist ein Geniestreich. Von den sperrigen Strophen über den sphärischen Refrain bis hin zum atemberaubenden Schlusspart: Hier passt alles. Der Musiker Kanye West scheint im Gegensatz zur Person Kanye West ziemlich genau zu wissen, worauf es ankommt. Und auch wenn "Yeezus" in einigen Jahren als extrem typisches Album für seine Zeit gesehen werden wird, so war es doch die richtige Platte zur rechten Zeit. Besser als lauwarme Aufgüsse früherer Großtaten (hallo, Eminem!) war es auf jeden Fall.

73 Mono - Moonlight

Mono sind keine besonders spannende Band. Eigentlich machen die Japaner seit einem Jahrzehnt immer das Gleiche. Und eigentlich ist das ganz schöner Kitsch. Besonders auf den jüngeren Veröffentlichungen übertrieben sie es mit den Geigen und dem Schönklang dann doch immens. "Moonlight" stammt aus den "mittleren" Jahren der Gruppe, und ist ein fast viertelstündiges Post-Rock-Crescendo. Im Mittelpunkt steht eine waidwunde Tremolo-Gitarre, die nach und nach unter einem Berg aus Lärm und Staub begraben wird. Kann man sicher nicht oft hören, ist in den richtigen Momenten aber besser als Sex.

72 Cursive - Art is hard
"Art is hard" ist ein typisches Anfang-20-Lied. Die jugendliche Unschuld hat sich verflüchtigt. Was bleibt, ist eine Form des Zynismus, mit der man erst einmal umgehen können muss. Die Welt ist kein Streichelzoo, und das Publikum, für das man sich Tag für Tag zum Affen macht, kommt meistens nur wegen jenes Liedes, das täglich im Radio läuft. Mit Arroganz hat das wenig zu tun, eher mit der Erkenntnis, dass mit dem Erwachsenwerden auch die Existenz der Anderen als Bedingung des eigenen Schaffens akzeptiert werden muss. Eine Performance, die man Tag für Tag wiederholt, ist für die Zaungäste ein einmaliges Event. Eine Diskrepanz, die manche mit "Professionalität" füllen. Andere machen einfach ein Lied darüber und zeigen dem Wiederholungszwang den Mittelfinger.

71 The Beatles - Paperback writer

Da sind sie ja endlich! Diese Beatles. Schon eine gute Band, auch wenn die Stones wahrscheinlich die besseren Livemusiker waren. Bei der Auswahl der Beatles-Songs für diese Liste habe ich mich vor allem darauf konzentriert, jene Stücke auszuwählen, die in Sachen Innovationskraft herausragen. "Paperback writer" stellt so etwas wie den ersten Indie-Rock-Song der Musikgeschichte dar. Auf Basis einer deutlich fetteren Produktion errichten Lennon, McCartney und Harrison ihre zum Markenzeichen gewordenen Luftschlösser aus Harmoniegesang, während die Gitarre deutlich angezerrt eines der einprägsamsten Riffs der Sixties zum Besten geben darf. Die Definition eines Gute-Laune-Liedes.