Samstag, 6. Juli 2013

Top 100: 70 - 61


70 Deep Purple - Made in Japan (1972)
Eigentlich mochte ich Deep Purple nie besonders - und das obwohl (oder weil?) während meiner Jugend ein guter Freund nicht müde wurde, in allen erdenklichen Lebenslagen Purple-Liedgut erschallen zu lassen. So kam ich nicht nur in Kontakt mit den allseits bekannten Evergreens der Kapelle, sondern erlebte z.B. das Ende einer durchzechten Nacht mit dem "Concerto for Group and Orchestra" in den Ohren. (in einem Kofferraum eines Audi 80, aber das ist eine andere Geschichte) Das Album, das mir nach all den Jahren die Band dann doch noch schmackhaft machen konnte, ist "Made in Japan", das im August 1972 während der Japan-Tournee von "DP" aufgenommen worden war. Was die Herren Gillan, Blackmore, Lord, Paice und Glover hier abliefern, kommt der Definition einer perfekt zusammenspielenden Band gefährlich nahe. In den besten Momenten rollt die Musik wie eine Lawine über den Hörer hinweg, das Schlagzeug wirbelt, die Orgel kreischt und Blackmores Gitarrenspiel und Gillans Gesang umgarnen einander wie (pompöse Metapher incoming) junge Liebende. Und so spielen sie sich in einen Rausch, katapultieren Songs wie "Highway Star" und "Child in Time" in ungeahnte Höhen und haben sogar die Muße für ein zehnminütiges Schlagzeugsolo, das zwar nicht besonders eindrucksvoll daherkommt, aber den sympathischen Größenwahn der Gruppe unterstreicht. Hier weiß eine Band verdammt genau, was sie kann.

69 The Knife - Shaking the habitual (2013)
Ich gebe zu, es ist ziemlich riskant, ein so neues Album in eine solche Liste zu packen, aber wenn es ein Album gibt, das mich in den letzten Monaten wirklich fasziniert und meinen musikalischen Horizont erweitert hat, dann "Shaking the habitual" des schwedischen Duos The Knife. Das, was man hier zu hören bekommt, sprengt gleichermaßen Geschmacksgrenzen und schlecht verkabelte Lautsprecher. Stellt euch vor, ihr säßet in einer Geisterbahn und jemand würde an euch eine Vivisektion mit einer Kettensäge durchführen. Stellt euch vor, Sonic Youth hätten die Gitarren durch Synthies ersetzt und Blixa Bargeld und The KLF zu einer Jam-Session geladen. Kranke Scheiße is happening. Hört euch "Full of fire" an, am besten auf Kopfhörern, nachts, im Wald. Spielt euren Kindern "Wrap your arms around me" vor, wenn ihr sie langfristig schädigen wollt. "Shaking the habitual" ist ebenso verkopft wie kaputt, es ist lang, furchteinflößend und stellenweise leider auch Wichsvorlage für frisch ausgenüchterte Feuilletonisten. ("Old dreams waiting to be realized"...) In jedem Falle ist es anders. Und willkommen.


68 Isis - Oceanic (2002)
Elf Minuten dauert "Weight", eines der besten Postrock-, bzw. Postmetal-Crescendi überhaupt. Elf Minuten, in denen man Takt um Takt tiefer in den Ozean hineingezogen wird. Es gibt kein zurück, am Ende wird und muss das Verderben stehen. Wenn es so klingt wie auf "Oceanic", sei es akzeptiert. Artwork, Arrangements, Konzept, Texte - hier greift ein Rädchen perfekt ins andere. Am Ende steht ein monolithisches Album über den Tod, die Einsamkeit und die Übermacht des Wassers.

67 Godspeed You! Black Emperor - F#A# (1997)
Die Schönheit des ewigen Dröhnens erschließt sich nur jenen, die sich von dem Geräusch einschließen lassen. Im Zentrum des Rauschens sitzt ein alter Mann, und er erzählt von einer Welt wie wir sie kennen. Lügnerisch wogen die Streicher im Wind, nichts ist passiert, nichts kann passieren. Alles scheint möglich. Mit geschlossenen Augen lauscht man den Klängen, die aus weiter Ferne erschallen. Das muss diese Erhabenheit sein, von der die Dichter einst so fasziniert waren. Ein Zug fährt vorbei, eine Melodie schält sich aus den Umgebungsgeräuschen, und plötzlich weiß man, wie die Antwort auf diese vermaledeite Frage klingen könnte... Es gibt wenige Alben, auf die Adjektive wie "groß" und "zeitlos" zutreffen, das Debüt der un(an)greifbaren Godspeed You! Black Emperor gehört definitiv diesem noblen Club an. (Zudem besitzt die CD-Version eines der besten Cover der Musikgeschichte.)


66 Alice in Chains - Dirt (1992)
Frei nach Peter Struck: Depression ist Mist. Nichts will, nichts kann, nichts geht. Und das, was man auf die Reihe bekommt, höhlt einen von innen heraus aus. Der ganzen Misere Ausdruck zu verleihen gelingt nur in wenigen lichten Momenten. Fällt die Sechs, der Mensch gleich mit. Alice in Chains-Frontmann Layne Staley war dem Fallen schon 1992 gefährlich nahe, so viel scheint gewiss. "Them Bones", "Down in a hole", "Sickman", "Hate to feel", die Liste der wenig optimistischen Songtitel ist lang. "Dirt" heißt das zweite Album von Staleys Band, und es könnte nicht passender benannt sein. Staley frisst Dreck, er wirft mit Dreck, er versinkt im Dreck. Wie Treibsand zieht einen die Musik in die Tiefen der menschlichen Psyche. Jerry Cantrells bleischwere Riffs harmonieren perfekt mit der rauhen Bluesstimme Staleys, und besonders der zweistimmige Gesang von Gitarrist und Sänger ist beängstigend intensiv.

65 dEUS - The ideal crash (1999)
Woran denkt man zuerst, wenn man "Belgien" hört? An einen König, an zwei sich streitende Landesteile, an Pommes Frites. Vielleicht noch an Radsportler und natürlich die EU, aber an Rockmusik? Eher weniger. Glücklicherweise hat das Land zumindest dEUS hervorgebracht. Nicht mit dem Stock im Arsch, sondern mit allerhand Liebe für die kleinen, schiefen Töne gehen die Mannen um das Multitalent Tom Barman zu Werke. "The Ideal Crash", der Band dritter Longplayer, ist wunderschöner Lärm. Hier wird nicht geschrien, das hat Barman gar nicht nötig. Spur für Spur werden hier vielstimmige Kunstwerke aus sich balgenden Gitarrenriffs, allerhand Geräuschen, Samples und spinnerten Details errichtet.


64 Aphex Twin - drukqs (2001)
So friedlich wie es beginnt, möchte man es sich gemütlich machen, einen schönen heißen Tee eingießen und an den Weihnachtsmann glauben. Da Richard D. James alias Aphex Twin allerdings den alten Slogan "Macht kaputt, was euch kaputt macht!" durch "Mach alles kaputt!" ersetzt hat, ist es mit der Ruhe schon nach wenigen Minuten vorbei. Breakbeats, die ihrem Namen alle Ehre machen, zappeln epileptisch von einer Hirnhälfte zur anderen, die Hektik, die sich breitmacht, essen Seele auf. Und kaum hat man sich damit abgefunden, den Eskapaden eines Wahnsinnigen zu lauschen, kehrt die Harmonie zurück: Klavierakkorde, behutsam, beinahe zärtlich...
Dass der Frieden nicht lange währen wird, ist klar. Dennoch sind unter ihrer Oberfläche selbst die krudesten Tracks auf "drukqs" extrem eingängig, all das Geklimper, Geklirre und Gefuchtel ist nur Textur für den kammermusikalischen Kern der Musik.

63 Tori Amos - From the choirgirl hotel (1998)
Lauscht man den neueren Alben der amerikanischen Songwriterin, sollte man ausreichend geschlafen haben. Die gepflegte Langeweile, die Tori spätestens seit "The beekeeper" verbreitet, macht müde - und betroffen. Dabei war sie in den Neunzigern mit Alben wie "Little earthquakes" und "Under the pink" zu einer der profiliertesten Musikerinnen geworden, jeder ihrer ersten fünf Longplayer hätte einen Platz in dieser Liste verdient. Warum ist nun also Amos fünfte Platte hier gelandet? Nun, "From the choirgirl hotel" stellt für mich das rundeste und ausgefeilteste Album der rothaarigen Sängerin dar. Während gerade ihre ersten Werke zwar unglaublich intensiv daherkamen, befanden sich auf ihnen auch stets einige nicht über den Skizzenstatus hinauskommende Stücke. Auf "Choirgirl hotel" zieht Tori alle Register, viele der Lieder sind bis ins kleinste Detail ausgearbeitete Musterbeispiele für meisterliches Songwriting. Intime Balladen wie "Northern lad" und "Jackie's strength" sorgen auch nach Jahren immer noch für Gänsehaut, noisige Ausbrüche, wie man sie in "i i e e e" und "She's your cocaine" hören kann, zeugen von der großen emotionalen Bandbreite, die Amos zu Songs zu verarbeiten vermag.

62 Ideal - dto. (1980)
Nein, Ideal gehören nicht zur "Neuen deutschen Welle", da können die F-Promis, die in Sendungen wie der "ultimativen Chart-Show" ihren verschimmelten Senf zum Besten geben, noch so sehr darauf beharren. Natürlich sind Songs wie "Berlin" und "Blaue Augen" Hits, die selbst der unmusikalischste Zeitgenosse als solche erkennen kann, aber die Band um Annette Humpe, die man für "Ich & Ich" ins Dschungelcamp verfrachten sollte, hatte viel mehr zu bieten als die oben genannten Gassenhauer. Irgendwo zwischen New Wave, Postpunk, Pop und Schlager sind die Lieder auf "Ideal" zu verorten, wobei die ironisch-boshaften Texte für die nötige Würze sorgen. Und so liefert die Band Beiträge zur Neiddebatte ("Sekt und Grappa saufen mit von Hohenstaufen - alles ohne mich! Das ist gemein, so gemein, hundsgemein."), gibt sich dem Hedonismus hin ("Sex und Geld, Sex und Geld, haben haben haben haben"), und berichtet von der Unvereinbarkeit der bürgerlichen Zweierbeziehung mit Post-68er-Gedankengut ("Du schläfst mit meiner Freundin und sagst, das muss ich verstehen - die monogamen Zeiten sind vorbei."). Alles nicht ohne gewissen Fremdschämfaktor, aber stets charmant arrogant.


61 Heather Nova - Oyster (1994)
Das, was ich oben über Tori Amos geschrieben habe, trifft noch viel stärker auf Heather Nova zu. Auch diese Dame begann ihre Karriere vielversprechend, nach zwei guten und einen passablen Album folgte allerdings ein jäher Absturz, der die von den Bermudas stammende Sängerin sogar in die Klauen von Bryan Adams führen sollte. 1994 war Novas Welt noch nicht in Ordnung, was man glücklicherweise auf "Oyster" hören kann. Hier wird nicht gekuschelt, hier wird verdammt noch mal gelitten. Und ja, sie singt sirenenhaft, man höre das spukig-schöne "Islands". Auch textlich hatte Heather damals noch mehr in petto als Binsenweisheiten und Naturromantik. Bildgewaltig besingt sie die Schattenseiten des Lebens und gibt sich verletzlich. ("Heal", "Sugar") Und dann gibt es da noch diesen einen Moment in "Light Years", diese wenigen Sekunden, in denen die Sängerin ihre Stimme in scheibensprengende Höhen prügelt, während die Musik unaufhaltsam dem Abgrund entgegentaumelt. Oh Heather, warum hast du uns verlassen.