Samstag, 29. Juni 2013

Top 100: 80 - 71

80 The Streets - Original Pirate Material (2002)
Mike Skinner ist "as british as it gets". Schon nach wenigen Takten ist klar, dass hier ein Mann rappt, der sein ganzes Leben auf der Insel, die unsterbliche Königinnen und ungenießbares Essen gleichermaßen zu verehren scheint, verbracht hat. Cockney schimpft sich das gutturale Kauderwelsch, das Skinner dem Hörer entgegennuschelt - ein Londoner Dialekt, der v.a. dafür berüchtigt ist, dass ganze Silben der Sprachökonomie zum Opfer fallen müssen. Und so erzählt Mike aus seinem Leben, er berichtet von Sauftouren, die nach hinten losgingen, er durchleidet Trennungen und verkündet natürlich genretypisch, dass er den längsten Rüssel hat. Keine einzige langweilige Sekunde gibt es auf dem Debütalbum des Rappers. Mein persönlicher Lieblingstrack: "The Irony of it all" (Hier versucht Skinner einem typischen Fankurvensäufer zu erklären, warum Alkohol weniger okay als andere Rauschmittel ist, was den armen Alkoholiker völlig aus der Fassung bringt.)

79 John Frusciante - To record only water for ten days (2001)
Frusciante hatte gerade erst seine Wiedergeburt mit den Chili Peppers gefeiert, als er sich im Jahr 2000 an die Aufnahmen seines dritten Soloalbums machte. Während die beiden Vorgänger zwar tiefe Einblicke in die zerrüttete Psyche des Musikers ermöglichten, waren sie nur äußerst selten am Stück genießbar. (dies gilt v.a .für das komplett verstrahlte "Smile from the streets you hold") Auf "To record only water for ten days" erlebte man erstmals den neuen Solo-John: Immer noch verspult, immer noch verschroben, aber nun fokussierter zu Werke gehend kombiniert Frusciante hier sein unverkennbares Gitarrenspiel mit elektronischen Spielereien, die an den frühen Synthiepop von Künstlern wie Erasure oder New Order erinnern. Textlich geht Frusciante "full eso", was ob der größtenteils fantastischen Songs zu verschmerzen ist. .

78 Slayer - Seasons in the abyss (1990)
Der Bayer bezeichnet laute und ungeschlachte Musik gerne mit dem Begriff "Gschlooch". (Zu Deutsch: "Geschlage") Und wer macht das schönste Gschlooch? Slayer natürlich! Keine Band hat schnnellere Riffs, kein Drummer knüppelt erbarmungsloser als Dave Lombardo. Und dann diese Soli! Ich glaube ja noch immer, dass Kerry King und Jeff Hanneman die meisten Soli eingespielt haben, ohne den eigentlichen Track zu hören. Vielleicht sind sie aber auch einfach taub, wer weiß. "Seasons in the abyss" markierte 1990 den End- und Höhepunkt der klassischen Slayer-Periode. Neben den typischen Nackenbrechern gab es hier auch versierte Groovemonster ("Blood Red", "Dead Skin Mask") und mit dem Titelsong sogar einen Ausflug in psychedelischere Sphären zu hören.

77 Nas - Illmatic (1994)
"Illmatic"  wurde schon mit so vielen Lobhudeleien bedacht, dass ich mich fast ein wenig schäbig fühle, mich am Chor der himmelhoch jauchzenden Musikbeschreiber zu beteiligen. Aber es gibt wenige Rap-Alben, die so verdient auf dem Thron sitzen wie das Debüt des New Yorkers Nas. Die Beats sind eigentlich relativ unspektakulär: Sehr trocken, mit geschmackvollen Samples aus Funk und Soul angereichert, fast schon Low-Fi. Das, was der damals noch blutjunge Nas am Mikro veranstaltet, ist hingegen atemberaubend. Seine Stimme tanzt auf den Rhythmen, ohne hörbare Mühe flowt Nas alles in Grund in Boden, was vielleicht einmal gerne Rapper geworden wäre. Und dann diese Texte: Kein "bling-bling"-Getue, sondern virtuose Wortspielereien, in deren Verlauf Nas nicht nur die Kunst des Storytellings auf neue Höhen bringt, sondern auch weit jenseits abgeschmackter Rhythmus- und Reimschemata operiert.

76 Helge Schneider - Da Humm! (1996)
Jetzt mal so unter uns: Auf diesem Platz hätten ursprünglich King Crimson stehen sollen. Aber ich habe mir gerade noch einmal deren Debüt angehört (ich bin der Anhörer!), und ich muss einfach gestehen, dass ich "Da Humm!" von Helge Schneider besser als diesen überbewerteten Kunstrock finde. "Bonbon aus Wurst", "Wurstfachverkäuferin", das sind Klassiker! Niemand bringt die erotische Komponente der Wurst so nichtssagend auf den Punkt wie Helge. "Da Humm!" ist aber mehr als nur Lied gewordener Presssack. Es ist tiefsinnig ("Fantasie in Blau"), blödsinnig ("Blub blub"), hintersinnig ("Philosophie"), schwachsinnig ("Ich drück die Maus"), feinsinnig ("Menu Total"), die Liste der Sinnigkeiten ist ebenso lang wie Schachtelhalm. Schachtelhalm hier, Schachtelhalm da, Schachtelhalm in Amerika. Einer der letzten Künstler unserer Zeit, dieser Helge.


75 Beth Gibbons and Rustin Man - Out of season (2002)
Es gibt diese Tage, an denen man besser im Bett geblieben wäre. Kalt ist es draußen wie drinnen, es regnet selbstverständlich, weil es immer regnet. Wider besseren Wissens steht man dennoch auf, schlurft seines Weges und bereut jeden einzelnen Schritt, der einen in eine feindliche Welt hinausträgt. Eine merkwürdige Form der Trauer ist es, die man mit sich herumträgt. So als ob man sich selbst beim Sterben beobachten könnte, gibt man sich der Schwermut hin. Wenn es nur nicht so verdammt kalt wäre.


74 Underworld - Everything Everything (2000)
Das britische Duo hat mit den Studioalben "dubnobasswithmyheadman", "Second Toughest in the Infants" und "Beaucoup Fish" ohne Zweifel den Techno der 90er maßgeblich geprägt. Teils jazzig-minimalistisch und an die Wurzeln des Genres gemahnend, teils trancig-gegenwärtig gingen sie dort zu Werke, ohne dabei den Pop gänzlich aus den Augen zu verlieren. Puristen mögen daher Recht haben, wenn sie Underworld des Ausverkaufs bezichtigen. Aber wenn schon Kommerzkacke, dann so wie auf dem Livealbum "Everything Everything", welches das Ende der ersten Schaffensphase der Soundtüftler markieren sollte. Ein Rädchen greift ins andere: Die peitschenden Basslines, die mäandernden Arpeggios, der stoische Sprechsingsang von Karl Hyde. Musik, zu der sich Bewegung ergibt.


73 Mono - You are there (2006)
Schon die Römer wussten: "Variatio delectat." Die japanische Post-Rock-Band Mono macht sich allerdings wenig aus derlei Weisheiten. Album für Album variiert sie das gleiche Grundmuster: Zarte Melodien, minutenlange Crescendi, ohrenbetäubende Ausbrüche. Mehrere Mono-Alben hintereinander zu hören kann daher durchaus eine recht ermüdende Angelegenheit werden, vor allem da sich gerade in den letzten Jahren der Aha-Effekt, der durch die eruptiven Momente einzelner Stücke ausgelöst wurde, nicht mehr so recht einstellen mag. Auf "You are there" war die Welt aber noch in Ordnung, besonders das über zwölf Minuten lange "Moonlight" hat nichts von seiner kathartischen Intensität eingebüßt.

72 Cursive - The ugly organ (2003)
Clark Kent ist Superman. Peter Parker ist Spiderman. Tim Kasher ist Emoman. Der Mann, dessen Stimme frappierend an Robert Smith erinnert, leidet stets auf allerhöchstem Niveau. Das 2003 erschienene vierte Cursive-Album "The ugly organ" bietet in nur vierzig Minuten mehr Nervenzusammen- und Wutausbrüche als ein für gesund erklärter Mensch ertragen können sollte. Aber wer ist schon gesund? Und warum sollte das Gesundsein erstrebenswert sein? Eben. Und Kunst machts auch nicht besser, nachzuhören in dem zynischen "Art is hard". Also raus mit dem Scheiß. "The ugly organ" ist ein Reinigungsritual, eine Urschreitherapie für angstgepeinigte Zivilisationsopfer. "I've decided tonight / I'm staying alive / Kicking and screaming" Dick aufgetragen? Vielleicht. Aber auch die Wahrheit.

71 The Notwist - Neon golden (2002)
Die deutsche Musiklandschaft war selten mehr als eine kaum belebte Wüste. Gerade in den letzten Jahren gab es wenig Musik "made in Germany", die sich nicht in Wiederkäuertum übte. Eine der wenigen Gruppen, die trotz aller Widrigkeiten immer wieder mit innovativen Veröffentlichungen zu überzeugen weiß, ist The Notwist. Diese Combo hat in ihrer über zwanzigjährigen Geschichte zwar nur wenige Platten auf den Markt gebracht - diese hatten es jedoch in sich. "Neon Golden", das 2002 erschien, markiert für viele den Höhepunkt des Schaffens der Musiker. Eine entscheidende Rolle beim Gelingen spielte auf diesem Album neben den Gebrüdern Acher (Markus als Sänger, Micha als Bassist) Martin Gretschmann, der Kennern durch Projekte wie Console bekannt sein dürfte. Gretschmann war es, der den von spröden Gitarrenmotiven getragenen Songs einen elektronischen Anstrich verpasste, ohne die Lieder ihrer analogen Wärme zu berauben.