Mittwoch, 23. April 2014

Lorelle Meets The Obsolete - Chambers (2014)

8/10

Oh Krach, wie ich dich liebe. Schon als junger Spund war es die lärmige Seite der Macht, die meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Auch wenn mein damaliger musikalischer Horizont nur knapp hinter "Scentless apprentice" endete, fand ich es höchst faszinierend, wie viel Wucht so ein wenig Geräusch doch mit sich bringen kann. Im Laufe der Jahre blieb ich - trotz diverser Geschmackserweiterungen - dem Rauschen erhalten. Sei es in eher rockiger Form, oder gar in pink und weiß. (Ja, ich mag experimentellen Ambient, der eher wie kaputte Plattenspieler klingt, aber dazu vielleicht ein andermal.) Irgendwann begab es sich dann auch, dass ich über My Bloody Valentines "Loveless" stolperte. Und ganz ehrlich: Am Anfang verstand ich nur Bahnhof. Irgendwie schon spekakulär, aber warum klang das nur so komisch? Viel zu viele Spuren, gepaart mit merkwürdig entrücktem Gesang. Zu viel für mein früheres Selbst. Dennoch gab ich mich nicht geschlagen, auch weil es aus allen Richtungen "Meisterwerk" schallte. Und irgendwann zündete das Album doch noch. Der schönste Krach der Welt hatte ein neues Opfer gefunden.

Was das alles mit Lorelle Meets The Obsolete zu tun hat? Nun, zunächst einmal agieren die beiden Mexikaner namens Lorena und Alberto in ähnlichen Gefilden wie My Bloody Valentine. Heißt: Treibende Basslinien, turmhoch aufgeschichtete Gitarrenwände, sphärisch-teilnahmsloser Gesang. Im Gegensatz zu den großen Vorbildern haben sie jedoch eine ganze Menge Dreck unter den Nägeln. Während Kevin Shields nur alle paar Jahrzehnte ein Album veröffentlichen kann, scheren sich Lorelle Meets The Obsolete wenig darum, wenn es an bestimmten Stellen noch gehörig im Gebälk knarrt. "Pattern music" nennen sie ihre Herangehensweise, und selten war eine Bezeichnung passender. Die Songs auf "Chambers", ihrem dritten Album, wirken zwar beim ersten Hören noch recht konventionell, jedoch folgen sie in Sachen Arrangement und Dynamik eher dem Track-Prinzip als dem althergebrachten Strophe-Refrain-Strophe-Schema. So fällt es überhaupt nicht auf, dass im Opener "What's holding you?" der Bass vier Minuten lang die selben zwei Töne spielt. Ebenso wenig stört, dass im Sixties-Stil scheppernden "The myth of the wise" das Schlagzeug klingt, als wäre Maureen Tucker aus dem Ruhestand zurückgekehrt. Werner würde sagen: Dengeldengeldengel, und ab dafür!

Die wirklichen Höhepunkte folgen erst in der Mitte des Albums. "Sealed scene" ist etwa ein Musterbeispiel für herrlich zügellosen Noiserock. Die Leadgitarre kreischt, das Schlagwerk scheppert. Dass man auch leise Lärm machen kann, zeigen Lorelle Meets The Obsolete in den beiden spukigen Schleichern "I can't feel the outside" (großartiger Titel!) und "Grieving". Vor allem letzterer Song weiß mit einer an Sigur Rós erinnernden Tremolofräse zu begeistern. Gevatter Krautrock stand sicherlich mehr als nur ein Mal Pate, als "Chambers" komponiert wurde, was u.a. das knarzig-knisternde "Music for dozens" beweist. Neben den monotonen, aber seinerzeit richtungweisenden Kapellen aus deutschen Landen dürften Lorena und Alberto jedoch auch große Fans des Halluzinogenen sein. Sowohl in substantieller als auch in musikalischer Hinsicht. Der Dachschaden, der sich nach längerem Abusus solcher chemischer Bespaßungen einstellen kann, wird dankend in Kauf genommen. Man muss die Welt auch mal mit den Ohren sehen dürfen.

"Chambers" ist im Februar 2014 bei Sonic Cathedral erschienen und wird in Deutschland von Al!ve vertrieben. Neugierige können die Band aber auch einfach per Bandcamp beschnuppern: http://obsoletelorelle.bandcamp.com/