Samstag, 24. August 2013

Die Singlecharts

Es folgt ein schon etwas älterer Text, den ich Anfang 2012 geschrieben habe. Da die Kernaussage (Die Masse ist taub.) jedoch immer noch zutrifft, habe ich mich dazu entschieden, ihn euch nicht vorzuenthalten. Vorhang auf für die Singlecharts!

21. Silbermond - Himmel auf
Was macht dich glücklich? Oh Gott. Da reden Menschen. Glück ist, wenn die Sonne scheint, wenn man  die Augen aufmacht, Zufriedenheit, Frieden auf der Welt. Scheiß die Wand an, was ist das denn hier?  Kirchentag für Würstelbudenbesitzer? Und wann geht eigentlich der Scheißsong wirklich los? Glück  hängt nicht vom Geld ab. Okay, da gibts keinen Song. Einfach nur Leute, die erzählen, was für sie  Glück ist. Unterbrochen werden die Banalitäten vom Singsang der Silbermond-Frontfrau. "Wann reißt  der Himmel auf, auch für mich?" Hoffentlich bald, und hoffentlich fährt ein Blitz hernieder, der sie  von der Erde tilgt. Glück ist Leben.

20. Stefanie Heinzmann - Diggin' in the Dirt
Soso, die gibts also auch noch. Schmatzende Bassdrum, simpler Beat. Steffi eiert sich recht solide  durch eine harmonisch banale Strophe, bevor eine ebenso nichtssagende Bridge die Pforten für den  Refrain öffnet, in welchem Heinzmann die Rockröhre mit purem Seggs flutet. Im Video hampelt übrigens  ne Band rum, wobei man im Arrangement eigentlich nur Stefanies Gesang, den Bass, nen Chor und die  Drums hört. Gitarre nix da.
Aber der Gitarrist kann geil nicken beim Nixtun. Der Song steuert nun so langsam dem Ende entgegen,  wie üblich dauert ein Popsong ja nur eine Minute, die restlichen zwei bestehen aus Wiederholungen  der vorherigen Teile. Und Ende.

19. DJ Antoine - Ma Cherie
Ja Himmelarsch, da singt ein Franzose Englisch. Die Bassdrum pappt an den Boxen wie Honig am Arsch  der Hölle. Der Song besteht aus einer simplen Akkordfolge, die für drei Minuten durchkonjugiert  wird. Der Refrain punktet mit klaren Gesangsharmonien. Der Kontrast zwischen "modernen"  Synthiesounds und einem Akkordeonsample lässt darauf schließen, dass dieses Lied primär dem  Broterwerb dienen soll. Clever ists zwar nicht, aber zumindest eingängig. Ideal für die nächste  Busenwackelfete in Kevins Vorgarten.

18. Marlon Roudette - Anti Hero
Smoother Beat, unaufdringliche Mollharmonien. Semi-eunuchaler Gesang. Der erste Song, der nicht  direkt nervt, sondern sich in die Kategorie "wird durch das Radio zum Folterinstrument" einordnen  lässt. Das Lied lässt sich gut wegnicken, aber auch ebenso gut und v.a. schnell wieder vergessen.  Auch hier wieder das leidige Popphänomen: Der Song nimmt kein Ende.

17. Ed Sheeran - The A Team
Der erste Kommentar neben dem Video: "Hiphop is geiler", von einer gewissen Melissa Zicke, die auf  ihrem Foto aussieht wie 13, und das wahrscheinlich auch ist. Na habadere. Das Lied läuft entspannt  an, Akustikgitarre, schmalzig-schmelziger Männergesang. Die Refrainmelodie erinnert angenehm an  frühere Tage. Eigentlich ists ja recht schön, dass es tatsächlich noch Leute zu geben scheint, die  leise und gleichzeitig kitschige Popmusik schreiben wollen. Gutes Lied.

16. Taio Cruz - Troublemaker
Whohoo, jetzt gehts in den Club. Oder in die Dorfdisse, das dürft ihr entscheiden. Vocoderpower,  Autotune-Attacke. Und dann gehts los: Die leidigen synkopierten Retrosynthies, der leidige  "emotionale" Gesang, die Chöre des Leidens. Taio Cruz hat alles, und noch lange nicht genug. Das  klingt alles so, als hätten sich Coldplay davon inspirieren lassen. Und nun eine Bridge, die so auch  aus den 90ern stammen könnte, Stottergesang inclusive. HOEEOOOHEEOO. Hallo Stadion.

15. Avicii - Levels
Kompressor, ick hör dir trapsen. Die Zukunft ist so abgefahren, da paaren sich Vierviertelbeats mit  den irrsten Faderspielerein seit der Erfindung des Mettigels. Der Track versucht erst gar nicht, in  irgendeiner Weise Interesse beim Hörer zu wecken, sondern hämmert einem die simple Melodie mit dem  Dampfhammer ins Gehirn. Breakdown in der Mitte, jetzt kommt sicher gleich Frau...ah da ist er schon,  der Frauengesang. Schön, dass man sich auf manche Dinge im Leben noch verlassen kann. Nun, da das  auch abgehandelt wäre, heißen wir unseren Freund, die Trisomiemelodie, wieder willkommen und erinnern uns schweigend an Christian Wulff.

14. Christina Perri - Jar of Hearts
Oh, die sieht ja aus wie Amy Winehouse vor den Drogen. Schnuckelig. Eine Klavierballade, ganz in der Tradition der 90er-Heulbojen, wobei der Gesang hier bewusst vom Understatement lebt. (vielleicht  kann sie aber auch nicht besser singen...) Der Refrain arbeitet ganz fies mit Harmonien, die man schon  so oft gehört hat, dass man beim ersten Mal mitsingen kann. Und nein, Frau Perri, da hilft auch eine  pseudodramatische Bridge nix mehr. Das nervigste an dem Song ist aber der quäkende Gesang unserer  Heldin. Gottlob ists bald überstanden. "Who do you think you are?" Das frag ich mich auch gerade.

13. Deichkind - Leider geil
Irgendwie schon geil.

12. Deichkind - Bück dich hoch
Ufftata, jetzt wirds lustig. Karneval is doch schon vorbei? "Bück dich hoch, komm steiger den  Profit." Ist das jetzt ironisch, oder wirklich doof? Hier wird meisterhaft mit den Erwartungen des  Publikums gespielt, so viel ist klar. Man kann zu dem Lied nicht wirklich viel schreiben. Es befriedigt  mehrere Zielgruppen auf einmal, und es war sicher auch schnell fertig.
"Wir steigern das Bruttosozialprodukt!", na sowas, wir sind ja so Popkultur. Widerlich.

11. Ivy Quainoo - Do you like what you see
Ah, "The Voice of Germany" macht einen auf Shirley Bassey und Bond-Soundtrack. Die Stimme der Frau  hat in der Tat Klasse, der Song ist leider langweilig, aber was erwarte ich eigentlich? Wobei  man aus dem Lied mit einer knackigeren und v.a. etwas roheren Produktion viel rausholen könnte. Die  Gitarre ist zu zahm, die Bläser zu dezent, der Gesang zu glasiert. Nächstes Lied bitte.

10. Jason Derulo - Breathing
Okay, jetzt wirds wieder richtig schlimm. Der Mann guckt aus der Wäsche wie R.Kelly nach der  Stammhirnentfernung. Die üblichen Vocoder- und Autotune-Spielereien, four on the floor. Und dann der  Refrain: "I only miss you when I'm breathing" Wahnsinn. Und es wird noch besser:  Ayayayay singt der Chor! Me gusta? Eines muss man Jason aber lassen: Die Mitgliedschaft im Fitnessstudio hat sich  gelohnt.
Wie emotional ergriffen er singt! Man möchte ihn am liebsten per Gnadenschuss von seinem Leid  erlösen.

9. David Guetta - Turn me on (feat. Nicki Minaj)
Okay, nun also der Großmeister der Dancefloor-Retro-Kacke. Erstaunlich zahnlos produziert. Das Video  thematisiert zum ersten Mal überhaupt in der Menschheitsgeschichte die Mär von der Mensch-Maschine.  Zum Glück kann man Nasen heute künstlich klein halten. Zur Musik muss man nicht viele Worte  verlieren, der Höhepunkt ist der Teil, in dem die Sängerin einen auf Raggamufti himself macht.

8. Unheilig - So wie du warst
"Hab keine Angst, ich bin da für dich" Ist das eine Drohung? Und hat es nicht schon mal ein Lied von  Unheilig über Verlust und Vergänglichkeit gegeben? Fragen über Fragen. "So wie du warst, bleibst du  hier." Das ist ekelhaft, schlicht ekelhaft. Pathetische Chöre, patschendes Schlagzeug. "Ich bin  stolz auf unsere Zeit." Das hier ist ganz, ganz schlimmer Schlager. Ich zitiere die Kommentare:  "Warum rührt mich dieses Lied so?" "Weil es zum Nachdenken anregt." Ich lasse das mal so stehen.

7. Flo Rida - Wild ones (feat. Sia)
Genug gelitten, auf nach Dubai! Jetzt gibts wieder dick Disco ins Gesicht. Uffz uffz, und sogar  gerappt wird hier wie entfesselt. Gekonnt schafft der Sprechsänger es absolut nichts zu auszusagen,  und dennoch dreißig Sekunden in synkopierten Sechzehntelketten dem Beat Paroli zu bieten. "Hey I heard you like the wild ones" Jawoll, hier ist die Jugend, hier gehts rund. Ärsche ohne Ende,  sowohl vor als auch hinter der Kamera, bzw. dem Mikrophon. Ich habe selten eine nichtssagendere  Refrainmelodie gehört. SO WILD! Da muss man ja wie einer der Opas aus der Muppetshow enden.

6. Gotye - Somebody that I used to know
I begin to see a pattern. Jetzt also wieder ein akustisches Lied, vorgetragen von einem mageren  Typen, der wie ein echter Künstler aussieht. Sehr minimalistisch und hypnotisch, erinnert ein wenig  an eine Kreuzung aus Manu Chao und Sting. Das Arrangement bleibt unaufdringlich. Jetzt kommt noch ne  Frau dazu, die auch recht hübsch singen kann. Fazit: Der beste Sting-Song seit 20 Jahren.

5. Aura Dione - Friends
Suzanne Vega und Whigfield in einem Intro! Ich befürchte fast, dass das schon der Höhepunkt des  Songs war. Stoischer Beat, der so auch aus dem Jahr 2000 stammen könnte. "At least I got my fri - eh  - eh - eh" Hiermit verleihe ich Aura den Rihanna-Umbrella-ella-eh-eh-Gedächtnispreis. Nettes Kinderlied.

4. Sean Paul - She doesn't mind
Yaaay, Sean da Paul. Held der sexistischen Einheitspartei und bekennender Sonnenbrillenträger seit nun bald 10 Jahren. Unerreicht in Gestus und Vortrag lässt Sean Paul hier deutlich raushängen, dass  ers nicht mehr nötig hat, sich ernsthaft anzustrengen. Das Video legt zumindest nahe, dass der Herr  potenter als ein Ochse ist. Zum Song: Das interessanteste Feature ist der minimalistische Beat, der  die diversen Synthiepads, Chöre und sonstigen Spielereien zusammenhält. Eine Hymne für den Sommer im  Freibad Wanne-Eickel.

3. Die Ärzte - Zeidverschwändung
E-Gitarren, dass es die noch gibt... Selbstironie, die nur abgeschmackt daherkommt. Selbstreferentieller,  ach-so-ironischer Mist. Wegen Belas grandiosem Gesang allerdings durchaus noch hörbar. Zumindest dieses erste und letzte Mal.

2. Olly Murs feat. Rizzle Kicks - Heart skips a beat
So langsame verspüre ich Ermüdung. Jugendlich aussehende Menschen tanzen und haben voll die  hässlichen Klamotten an. Wir sind ja auch im 21. Jahrhundert, da ist ironische Ironie ironisch  gemeint. (mindestens) Das Lied tut keinem weh, harmlose Offbeats, ein wenig Gesinge, ein wenig  Gerappe. Was macht Timbaland eigentlich mittlerweile?

1. Michel Teló - Ai se eu te pego
Endlich auf Platz 1 angekommen. Ricky Martin hat sich verjüngen lassen? Lambada ist wieder in? Was  zur Hölle ist das denn? Die Ladies im Video scheinen es zu lieben, obwohl Michel ein Gesicht macht,  als hätte sich gerade in die Windeln...lassen wir das. "ossa ossa", Rex Gildo dreht sich stumm im  Grab um, während die hübschen Damen große Augen machen und ihre willigen Körper in die Kamera halten. Song endet, Mensch lebt, Maschine brennt.