Freitag, 9. August 2013

Top 100: 40 - 31

40 Michael Jackson - Thriller (1982)
"Billie Jean", "Beat it", "Thriller". Perfektion hoch drei. Und auch wenn Jackson in seiner Karriere noch für viele weitere Großtaten verantwortlich zeichnete (Geheimtipp: "Who is it"), diese drei Überhits sind seine Fahrkarten in die Unsterblichkeit. Sie sind das Destillat dessen, was sich gemeinhin Popmusik schimpft: Eingängig, melodiös, tanzbar, ohne dabei plump daherzukommen. In Verbindung mit den damals revolutionären Musikvideos erklomm Michael Jackson bis dato ungekannte Höhen, von dem späteren Absturz in die Merkwürdigkeit war 1983 noch wenig zu spüren. Hier war jemand am Werk, der nicht nur singen und tanzen konnte, sondern die Form des Songs zu transzendieren wusste.

Oder gibt es eine bessere Basslinie als die von "Billie Jean"? Eben. Das die genannten Lieder enthaltende Album heißt "Thriller", und es ist meistverkaufteste Popalbum überhaupt. "Thriller" ist kurz und ganz gewiss nicht ohne Makel: Neben tollen Tracks wie "Wanna be starting something" finden sich auch einige mediokre Stücke darauf, u.a. das peinliche "The girl is mine", welches Jackson mit Paul McCartney verursachte. Doch allein wegen "Bllie Jean", "Beat it" und dem Titelsong sollte jeder, der noch Ohren am Kopf hat, dieses Album besitzen.

39 Archive - Noise (2004)
Ich war lange hin- und hergerissen, welches Archive-Album ich in meine Liste aufnehmen soll. Letzten Endes habe ich mich dann für "Noise" und gegen "You all look the same to me" entschieden - auch wenn letzteres mit "Again" den besten Pink Floyd-Song, der nicht von Pink Floyd stammt, beinhaltet. "Noise" also. Eine auf den ersten Blick recht aufdringliche Angelegenehit. "Stay in your coma, in your own frustration" raunzt Craig Walker. Das, was danach kommt, sind Beweise dafür, dass es in manchen Situationen gar nicht genug Spuren geben kann. Gitarren, Soundscapes, triphoppige Beats, mehrstimmiger Gesang, Streicher..."Noise" schreit in jeder Sekunde "Beachte mich! Ich bin groß! Ich bin toll!". Und als williger Klangkonsument bleibt einem nichts übrig, als der Aufforderung Folge zu leisten. Und falls ihr nicht d'accord geht: Fuck you anyway. (Kenner der Platte wissen, was ich meine.)

Meine ausgeprägte Schwäche für monotone und größenwahnsinnige Musik zwingt mich dazu, dieses Album zu lieben. Und wenn ein Song zehn Minuten dauert, und dabei nur um vier Akkorde kreist, dann muss das eben so sein. "Waste" heißt dieses Lied, und es baut über vier Minuten lang Spannung auf, bis ein brachialer Beat sämtliche Zweifel aus dem Weg walzt. Trotz der teils ausufernden Songlängen bleibt "Noise" jedoch stets greifbar, was vor allem der kristallklaren Produktion zu verdanken ist. Auch die komplexesten Klangüberlagerungen sind klar aufgelöst, jeder Sound, jedes Sample ist genau da, wo es hingehört.


38 Neu! - dto. (1972)
Neu! ist eine jener Bands, die Leute in Listen aufnehmen, weil sie total meta sein wollen. Was dazu führt, dass Neu! in den meisten einschlägigen Listen auftaucht. Gerne wird betont, wie unglaublich innovativ die beiden Schrate, die Geburtshelfer bei Kraftwerk gewesen waren, zu Werke gingen. Und ja, sie machten ihrem plump-genialen Bandnamen tatsächlich alle Ehre. Das, was Neu! auf ihren Platten zelebrierten, hatte die Welt so noch nicht gehört. Die zehn Minuten "Hallogallo" auf dem Debüt des Duos nehmen mal eben das vorweg, was später mit dem Präfix "Post-" versehen werden sollte. Aber was machten Neu! nun genau? Im Endeffekt nicht besonders viel. Ein paar Feedbackkleckse hier, ein monotones Gitarrenriff da, und in der Mitte trommelt der Duracellhase den Achtelbeat, bis ihm die Sticks aus den Pfoten fallen. Ziemlich unspektakulär, und genau deswegen so grandios.

In einer Zeit, in der sich Rockmusik entweder in "Höher-Schneller-Weiter"-Spielchen verlor, oder zur Kostümparty zu verkommen schien, waren Neu! so etwas wie die Kellerkinder, mit denen niemand spielen will - sobald die Kinder jedoch erwachsen sind, und sich endlich auf die Straße trauen, sind alle über die Schönheit dieser merkwürdigen Menschen erfreut.

37 Pink Floyd - Meddle (1971)
"Meddle" ist "Echoes". Selbst wenn auf der A-Seite das herrlich groovende "One of these days" enthalten ist, kann nichts und niemand diese dreiundzwanzig Minuten währende Weltveränderung toppen. Angefangen beim per Klavier und Halleffekt erzeugten Echolot-Sound zieht einen der Longtrack sofort in seinen Bann und lässt einen für den Rest des Lebens nicht mehr los. Wie hier Melodien ineinanderfließen, ist nicht imitierbar. David Gilmour zeigt zudem zum ersten Mal so richtig, welch gefühlvoller Sologitarrist in ihm steckt. Sein später zum Markenzeichen gewordener singender Gitarrensound fügt sich hervorragend in den zurückhaltend arrangierten Klangteppich aus sphärischen Orgelklängen und unbeeindruckt twangender Rhythmusgitarre ein.

Doch erst nach knapp elf Minuten passiert das, was "Echoes" so unfassbar macht: Der Song verschwindet, um jaulenden Unterwasserbotschaften Platz zu machen. Minutenlang wabert es, während Gilmour kreischende Call and response-Figuren in die Weite entlässt, bis schließlich das Echolot zurückkehrt. Bedächtige Akkordprogressionen bilden die Grundlage für einen langsam lauter werdenden Triolengroove. Und dann bricht das Licht durch die Wasseroberfläche. "Shepard-Risset-Glissando" nennt der Musikwissenschaftler diese wellenförmig ineinanderstürzenden Tonfolgen, bei denen man nie genau weiß, um welchen Ton sie nun eigentlich kreisen. "Echoes" markiert den Beginn der Hochphase einer Band, die für einige Jahre vollkommen zurecht die Musikwelt beherrschen sollte.

36 System of a down - Toxicity (2001)
Ich erinnere mich noch gut, wie ich damals versuchte, meinen Freunden System of a down schmackhaft zu machen. "Das ist doch stumpfer New Metal" bekam ich zur Antwort. Und überhaupt: Warum singt der Typ so komisch? Kann man doch nicht hören, sowas. Kann man wohl. Und dazu abzappeln, mitsingen und herumspringen ("Pogopogopogopogo") wie Schmidts Katze. Hochgeschwindigkeitsriffs, nackenbrechende BPM-Zahlen, fast schon absurd tief gestimmte Gitarren - das waren die Grundzutaten des System-Sounds. Doch trotz aller Brutalität blieb stets Raum für ausschweifende Melodiebögen, die Sänger Serj Tankjan in unnachahmlicher Weise auf den Lärm jodelte. Nach dem rauhen und teils noch etwas fransigen Debüt stellte "Toxicity" nicht nur den kommerziellen Durchbruch der Band dar, es sollte auch deren größter künstlerischer Triumph werden.

Zwar leiden v.a. die Singles unter dem Indiedisco-Phänomen, d.h. sie sind trotz ihrer offensichtlichen Qualitäten heute kaum noch genießbar, in der Summe ist "Toxicity" dennoch erstaunlich frisch geblieben. Bollern, bolzen, brettern. Die Aggressivität stakkatoartiger Metalriffs kollidiert mit jazzigen Einsprengseln, Moshparts und folkloristischen Elementen. Songs wie das schlicht geile "Jet Pilot" oder das drückende "Forest" eignen sich immer noch hervorragend zur Kärcherung des Großhirns. Simple Fassung: Aufs Maul und Spaß dabei. Verquaste Fassung: Karnevalisierung für Epileptiker.

35 Einstürzende Neubauten - Silence is sexy (2000)
Am Anfang war der Krach. "Kollaps" lautete das Stichwort, und dementsprechend klang auch die Musik. Lärm organisiert durch Wahnsinn. Doch bereits wenige Jahre nach Gründung der Band sollten die Einstürzenden Neubauten sich gewöhnlicheren Strukturen öffnen, ohne dabei ihre Liebe zur Schlagbohrmaschine zu leugnen. Spätestens seit dem 1996er-Werk "Ende Neu" war jedoch offensichtlich, dass die Zeiten des ungezügelten Lärms vorbei waren. Mit dem vier Jahre später veröffentlichten "Silence is sexy" fanden die Neubauten schließlich zu sich selbst: An die Stelle kaum zu bändigender Noise-Eskapaden war nun die Stille getreten. Und diese wirkte verheerender als jeder berstende Stahlträger früherer Jahre. Zwar bediente sich die Gruppe noch immer höchst ungewöhnlicher Instrumente, im Zentrum der Musik befand sich nun allerdings die Melodie. Bereits der Opener "Sabrina" ist in seiner Zurückhaltung verstörend schön, die eigentlichen Höhepunkte kommen jedoch erst in der zweiten Albenhälfte. So ist z.B. "Sonnenbarke" ein sich unaufhaltsam der Klimax entgegenwindendes Reinigungsritual. "Die Befindlichkeit des Landes" besitzt nicht nur einen der großartigsten Texte der jüngeren deutschsprachigen Musikgeschichte, sondern zeugt auch von den oft stiefmütterlich behandelten kompositorischen Fähigkeiten der Band.

Und dann war da noch das "Redukt". Ein zehnminütiger Monolog Blixa Bargelds über das Selbst und dessen Vergänglichkeit. Von Worten entkleidet bleibt am Ende nur der nackte Schrei im leeren Raum stehen. Ganz großes Kopfkino. Doch die Einstürzenden Neubauten können auch anders, nämlich schelmisch. Sei es "Newtons Gravitätlichkeit", oder der "Musentango", der beschwingt vom ewigen Ringen mit der Inspiration berichtet. ("Nicht unbedingt, aber vielleicht.") "Silence is sexy" ist, um es mit den Worten des späteren Blixa zu sagen, wie das Leben: Kein Irrtum, kein Irrtum und Musik.

34 Portishead - Third (2008)
Niemand hatte mit Portishead gerechnet, als sie 2008 nach über elf Jahren ihr nicht mehr für möglich gehaltenes drittes Album veröffentlichten. Die Musikwelt hatte sich weitergedreht, und es schien, als ob die englische Band auf dem Weg verloren gegangen war. Dass "Third" letztendlich doch noch kam, ist das eine Wunder. Das andere ist, dass "Third" nicht nur der beste Portishead-Longplayer, sondern auch eines der wichtigsten Alben des vergangenen Jahrzehnts werden sollte. Die depressive Grundstimmung, die sich schon durch die ersten beiden Alben gezogen hatte, ist selbstverständlich auch hier vertreten. Doch ist an die Stelle des lasziv-unterkühlten Triphop-Sounds ein ebenso kaputter wie karger Klang getreten. Sängerin Beth Gibbons steht mutterseelenallein zwischen hustenden Maschinen und körperlosen Akustikgitarren.

Nur selten verirrt sich die Hoffnung auf Third, und wenn, dann bleibt sie nicht lange. ("The rip") Mehr Moll passt nicht auf eine CD. Die Tristesse, die Songs wie "Hunter" und "Nylon smile" ausstrahlen, sickert langsam, aber unaufhaltsam in Ohren und Körper. "Third" ist vertonte Agonie. Immer wieder bäumt sich die Musik auf, immer wieder bricht sich der Irrsinn Bahn. Das Schlüsselstück des Albums ist ohne Zweifel das röchelnde "Machine gun", ein metallischer Trip in die Leere, ein Lied wie eine Kriegsnacht. Die drei Synthieakkorde am Ende von "Machine gun" sind härter als Gitarrenriffs es je sein können. Ob Portishead jemals wieder ein Album aufnehmen werden, ist fraglich. Sie müssen es nicht tun.

33 Soundgarden - Superunknown (1994)
Nirvana waren die Punkrocker mit der Liebe für Krach. Pearl Jam waren die Supergroup für den Neil Young-Fan. Alice in Chains waren die Hairmetalband für Depressive. Und Soundgarden? Die hatten die verdammt noch mal besten Gitarrenriffs seit Led Zeppelin. Clever synkopiert, gerne mit einem Gegengroove von Drums und Bass verzahnt, garniert mit hirnverdrehenden Stopps und Breaks. Doch nicht nur die Riffs des Quartetts aus Seattle waren überragend, auch das, was Chris Cornell am Mikro veranstaltete, war aller Ehren wert. Zur Soundgarden-Hochphase (d.h. zwischen 1989 und 1994) spielte er stimmlich in einer Liga mit den ganz Großen des Metal. Jetzt habe ich das böse Wort gesagt. Und ich werde es nicht zurücknehmen.

Die Rifflastigkeit, die relativ verkopften Arrangements, der gepresste Gesang - das sind alles Zutaten, die auch guten klassischen Metal ausmachten. Der Kniff bei Soundgarden ist, dass peinliches Posertum durch Melodiösität und Aggression ersetzt wird. Während das 1991er-Meisterwerk "Badmotorfinger" mehr in die Riffrichtung ging, war der 1994 erschienene Megaseller "Superunknown" weit eingängiger und öffnete sich sogar eher konservativeren Ohren. (v.a. natürlich durch die damals omnipräsente Single "Black hole sun"). Doch bietet "Superunknown" weit mehr: Abgezockte Rocksongs ("My way"), psychopathische Jamausflüge ("Head down"), Löffelsoli ("Spoonman"). Mein persönlicher Lieblingstrack ist und bleibt aber "Limo wreck": Ein zäher Blues mit einem Refrain, der jeden Exorzisten glücklich stimmen muss.

32 Pearl Jam - Yield (1998)
Achtung, rhetorischer Kniff: "Yield" ist das beste Pearl Jam-Album. Erstaunte bis erzürnte Gesichter im Auditorium. Was ist mit den Hits auf "Ten"? Den Schepperorgien auf "Vs."? Den Verschrobenheiten auf "Vitalogy"? Ausholende Geste des Redners. Ja, die sind auch toll. Aber ich bevorzuge "Yield". Weil es der wenig überzeugenden Selbstverstümmelung der beiden Vorgänger ein Ende bereitet hat. Weil es mit "Given to fly" und "In Hiding" zwei dieser unnachahmlich euphorischen Hymnen, die nur Pearl Jam schreiben können, enthält. Weil "Do the evolution" und "Brain of J" ebenso brutal wie augenzwinkernd daherkommen. Weil nur ein einziger überflüssiger Song ("Untitled / Red Dot") auf dem Album ist. Weil Eddie Vedder nie entfesselter gesungen hat. Er keift, nuschelt und nölt wie ein junges Schafott. Und schließlich wegen dieser Zeile: "I'm like an opening band for the sun." Gänsehaut.

31 Nirvana - Unplugged in New York (1994)
Betrachten wir einmal ganz nüchtern die Fakten. "Unplugged in New York" ist ein akustisches Livealbum einer Band namens Nirvana, die mit relativ simplem, aber höchst einprägsamem Geschrammel und Gelärme den Nerv einer ganzen Hörergeneration getroffen hatte. Auf dem Livealbum verzichtet diese Band allerdings größtenteils auf die bekannten Kassenschlager und spielt mehr oder minder obskure Coverversionen. Sie holen sogar die Meat Puppets für drei Songs auf die Bühne. Dabei hätten sie wahrscheinlich Madonna haben können, aber nein, Nirvana wollen die Meat Puppets. Dies verrät viel über das Selbstverständnis der Musiker, v.a. die Sehnsucht ihres Frontmannes nach Kommerzverweigerung wird deutlich.

Doch seien wir ehrlich. Nirvana waren nach "Nevermind" ein Mainstream-Ereignis geworden. Five million Nirvana fans can't be wrong. Kurt Cobain, Gesicht, Stimme und Gitarrenzerstörer der Band, hatte einen Haufen Smashhits geschrieben, betonte jedoch unermüdlich, sich nicht darüber zu freuen. Wohin das schlussendlich führen sollte, ist bekannt. Ebenso bekannt ist, dass "Unplugged in New York" erst ein halbes Jahr nach dem Freitod Cobains veröffentlicht wurde.

Und so wird aus einem simplen Konzert eine beklemmende, beinahe an eine Messe erinnernde Veranstaltung. Cobain legt so viel Leidenschaft in seine Stimme, dass sie an manchen Stellen zu bersten droht. Gerade die erwähnten Covers erstrahlen in dem reduzierten Soundgewand in für kaum möglich gehaltenen Glanz: "The man who sold the world" ist besser als das Original Bowies (und das ist schon verflucht gut), das von den Vaselines übernommene "Jesus doesn't want me for a sunbeam" schmeichelt sich mit einem waidwunden Akkordeon ein. Von den Meat Puppets-Stücken ragt besonders das zittrige "Lake of fire" mit seinem Gottsolo heraus.

Doch all die mehr oder weniger großen Momente eines fantastischen Konzertes verblassen ob des Abschlusssongs: Cobain covert das durch Lead Belly überlieferte Traditional "Where did you sleep last night" nicht, er durchlebt es. Von den beinahe gehauchten Anfangsversen bis hin zum den Song beschließenden Urschrei. Ein Ende, das keine Zugaben zulässt.