Dienstag, 3. Dezember 2013

Lady Gaga - Artpop (2013)

4/10

Ich gebe zu, dass ich etwas spät dran mit meiner Rezension bin. Aber letzten Endes passt das nur zu gut zu einem Album, das ganz weit vorne sein will, aber dann doch unpünktlich zur großen Sause gekommen ist.

Nicht weniger als die Verkunstung des Pop hatte Frau Germanotta angekündigt. Große Worte, die hervorragend zur bisherigen Karriere der Sängerin passen. Als sie 2008 sich mit dem Geniestreich "Pokerface" über Nacht zur neuen Königin der Klingeltoncharts gekrönt hatte, war sie nicht nur das Tagesthema auf dem Pausenhof, sondern auch in einschlägigen Kulturbelaberungsmedien. Die neue, die zeitgemäße Madonna sei sie, schrieb man. Der erste virale Weltstar. Und da manche Dinge besser nicht beim Namen genannt werden, wurde sie schlichterhand zum "Phänomen" erklärt. 

Das Phänomen Lady Gaga sollte über Jahre den Musikmarkt dominieren, es verband Optik mit Musik und die Musik wiederum mit einem sich ständig wandelnden Image. Die Gaga hatte verstanden, was Pop ist. Auch wenn ihr Zweitwerk "Born this way" nur unzureichend erste Verfallserscheinungen am Fleischkleid überdecken konnte, blieb sie die unangefochtene Nummer eins. (auch mangels echter Konkurrenz)

Jetzt also "Artpop", inklusive eines richtig geil grausigen Coverartworks von Jeff Koons. Raus aus der Mehrzweckhalle, rein ins MOMA. Wer nun allerdings eine radikale musikalische Neuerfindung des Gagastyles erwartet, dürfte von den Songs auf Germanottas Drittwerk bitter enttäuscht werden.
Dabei fängt es gar nicht mal so unspannend an: "Aura" verbindet einige altbekannte Stilelemente mit orientalisch klingenden Synthielinien und einem überaus eingängigen Refrain. Der Beat schiebt, die Gaga croont. Sehr zeitgemäß hört sich das an, bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und für die Tanzflächen dieser Welt glattgebügelt. 

Der Rest ist Leere. Eine Leere, die auch Dubstepanleihen und Rap-Elemente nicht füllen können. Lady Gaga mag eine gute Sängerin mit einem großen Talent für melodiöse Popsongs sein, wirklich etwas zu sagen hat sie allerdings nicht. Reich und berühmt ist sie, und nach der Pflicht kommt stets die Maniküre. Nun könnte man dem ganzen Gedöns eine Metaebene andichten und Lady Gagas überzuckerte Lieder als Spiegelvorhaltung gegenüber dem Popbusiness verstehen, recht zwingend ist dieser Gedankengang jedoch nicht. Zudem ist das Motiv der Verklärung des eigenen Status weder neu (man denke an Gagas Debüt, "The fame"), noch sonderlich spannend. Nur selten halten die Kompositionen dem Ego der Lady stand ("Swine"), meist verpuffen die an kurze Aufmerksamkeitsspannen angepassten Rummskisten im Nichts.

Dabei könnte sie doch mehr. "Dope" ist z.B. eine wunderbar zynische Ballade, in der Frau Gaga singt als sei der Teufel hinter ihr her. Selbst als ironisches Statement funktioniert das Lied hervorragend, entspricht es doch hinsichtlich Pathos und Melodieführung einer typischen Popschnulze. Leider muss man derlei positive Elemente mit der Lupe suchen. Blödsinn wie "G.U.Y." oder "Sexxx dreams" wird auch nach fünf Flaschen Schampus im Urwald nicht erträglicher.

"Applause" hat sie sich dafür verdient, dass es wie kaum eine andere Künstlerin versteht, dem Feuilleton auf der Nase herumzutanzen. Rein musikalisch stellt "Artpop" eine herbe Enttäuschung dar.