Mittwoch, 7. Mai 2014

Schnellcheck #4: Khan of Metal

The Horrors - Luminous (7/10)
Post-Wave, Indie

Schon auf dem letzten Album "Skying" zeigten The Horrors erste Tendenzen zur Stagnation. Zwar waren die hymnischen, synthiegetriebenen Songs stets eingängig geraten, so richtig zwingend wie zu früheren Tagen agierten die Briten jedoch nicht mehr. Mit ihrem vierten Album "Luminous" machen sie da weiter, wo sie aufgehört haben, nämlich mit in Hall und Rausch gebadeten Wave-Gitarren, entrückten Gesangslinien und teils herrlich psychedelischen Abfahrten. Die Songs auf "Luminous" sind indessen wieder ein Stück weit kohärenter als auf dem Vorgänger, was das Album trotz seiner stellenweise etwas überbordenden Produktion zu einem Hörgenuss macht.


HTRK - Psychic 9-5 club (7/10)
Electronica 

HTRK (sprich: "Hate rock") ist ein amerikanisches Duo, das sich der minimalistischen elektronischen Musik verschrieben hat. Heißt: Karge Beats, atmosphärische Soundfragmente und verhuscht-gehauchter Nicht-Gesang. Sicherlich keine Platte, die zum Tanzen und Springen einlädt, sondern eher Musik für den Morgen nach dem Exzess. Dämmrig geht es zu, und Frohnaturen werden Jonnine Standish und Nigel Yang wohl nicht mehr werden. Ein Händchen für stimmungsvolle Miniaturen haben sie aber.


Johnny Cash - Out among the stars (6/10)
Country 

"Out among the stars" ist ein Album, das Johnny Cash anfangs der der 80er-Jahre aufgenommen hat. Da seine damalige Plattenfirma sich aber wenig begeistert zeigte, verschwanden die Songs im Archiv. Cashs Sohn war es, der die Lieder ausbuddelte und ihnen einen modernen Anstrich verpasste, ohne dabei allzu verfälschend in den Sound einzugreifen. Wer also auf eine wirkliche Überraschung gehofft hat, dürfte doch ein wenig enttäuscht sein. Cashs Songwriting war zu jener Zeit in Formalismen erstarrt, neben den obligatorischen Country-Schunkelnummern befinden sich auch einige ziemlich seifige Trucker-Schnulzen auf "Out among the stars". So richtig schlecht ist das alte neue Cash-Album aber auch nicht, besonders das schwelgerische "She used to love me a lot" und das tolle, mit June Carter eingesungene Duett "Baby ride easy" mildern die Umstände.


Kishi Bashi - Lighght (7/10)
Pop

Der Japaner Kaoru Ishibashi kann ziemlich gut Geige spielen. Da das Fiedeln in zweiter Reihe auf Dauer aber doch recht fad ist, versucht er sich schon seit einigen Jahren als Songwriter und Sänger. Dass die Violine im Zentrum seiner Lieder steht, ist zunächst wenig überraschend. Was der Herr aus den vier Saiten zaubert, allerdings schon. Ob mit Effekten beladen oder mit filigranem Pizzicato-Spiel - Ishibashi hat den Dreh raus. Verpackt sind seine virtuosen Kapriolen in beschwingten Popsongs, die immens von der wandlungsfähigen Stimme ihres Schöpfers profitieren. Eine Platte wie der Frühling: Wechselhaft, aber mit Aussicht auf Wärme, Sonne und Zufriedenheit.


Tengger Calvalry - Ancient call (4/10)
Dschingis Metal 
Und jetzt wirds so richtig merkwürdig. Metal kennt ihr ja sicher. China auch. Was passiert, wenn man traditionelle chinesische, bzw. teils mongolische Volksmusik mit Speedmetal kombiniert, könnt ihr euch allerdings wahrscheinlich weniger vorstellen. Verrückt klingt die Mischung aus dudeligem Nomadengejodel und galoppierenden Hochgeschwindigkeitsriffs allemal. Leider nutzt sich der Spaß nach anfänglicher Begeisterung recht schnell ab, da viele Songs letzten Endes eben doch nur genretypisches Geschredder sind. Dass die Band bis dato noch nicht den Titel "Khan of Metal" für sich beansprucht hat, muss ihr aber durchaus vorgeworfen werden. Frei wäre der Thron ja sicherlich.

Samstag, 26. April 2014

Ist das peinlich... (Part 2)

Meine Musiksammlung umfasst insgesamt ca. 2000 Alben, wobei ich ca. ein Drittel davon auf altmodischen Tonträgern besitze. Nachdem im ersten Teil dieser Selbstentblößung Dachbodenfunde und "echter" Trash das Thema waren, soll es heute um typische Fehlkäufe gehen. Wohl jeder hat schon einmal mit großen Erwartungen eine Platte erstanden, um dann zu Hause ernüchtert festzustellen, dass das irgendwie doch nicht so toll wie erhofft klingt. Andere CDs dieser Kategorie bestehen den "test of time" nicht und geraten nach anfänglicher Begeisterung rasch in Vergessenheit. Wegwerfen kommt natürlich trotzdem nicht in Frage, weswegen besagte Alben dann langsam dem Altenteil entgegenverstauben dürfen.

Fatboy Slim - You've come a long way baby (1998)

1998 war Fatboy Slim DER heiße Scheiß. Egal ob in Videospielen, im Musikfernsehen oder im Kaufhaus: Der dicke dünne Junge mit seinen großen Beats war überall. Unvergessen sind Klassiker wie "Rockafella skank" oder "Praise you", welche eingängige Samples mit wuchtigen Drumpatterns und zeitgemäßen Stotter-Effekten kombinierten. Das Album zum Hype verkaufte sich richtig gut, auch wenn ein Großteil der darauf vertretenen Tracks nicht ganz mit den großen Singlehits Schritt halten konnte. Auch ich war der Versuchung erlegen, und hatte mir vom Taschengeld dieses Album abgeknapst. Stücke wie "Right here, right now" lösten anfangs echte Begeisterung in mir aus, es sollte jedoch nicht sehr lange dauern, ehe Ernüchterung eintrat. Die Musik des Fatboy Slim war - ganz ähnlich übrigens wie die von Moby - perfekt für kurze Jingles und Einspieler geeignet. Für eine Existenz als lebensbegleitende Beschallungsoption fehlte ihr jedoch die Tiefe.

Sabrina Setlur - Die neue S-Klasse (1997)

Noch so eine aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbare Jugendsünde. 1997 war das Jahr der Sabrina Setlur, welche sich aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr Schwester S nennen wollte, und mit Songs wie "Du liebst mich nicht" und "Freisein" die Charts eroberte. Produziert wurde die ganze Chose von niemand geringerem als Moses "Malaka" Pelham, dessen Label 3P seinerzeit als Nährboden für noch viel größere Übel fungierte. (Moses ist an Xavier schuld. Möge er dafür ewig in der Hölle schmoren.) Setlurs zweites Album klang genauso wie alle anderen Pelham-Power-Productions: Tiefe und voluminöse Bässe, schneidene Snaredrums, ein leicht molliger Teppich aus Streichern und anderem Georgel. Nun war Frau Setlur zwar sicherlich keine gänzlich talentfreie Rapperin, wirklich etwas zu sagen hatte sie jedoch nur selten. Der wohl stärkste Song auf "Die neue S-Klasse" war das düstere "Machsoweita", in welchem Setlur das Thema Gewalt gegen Frauen auf berührende Weise anging. Der Rest der Platte bot typische "Ich > du"-Kost, wobei man der Ex-Schwester das Gehabe nie so recht abkaufen konnte. 

Guildo Horn - Danke! (1998)

Okay, das hier hätte eigentlich besser in den ersten Teil dieser Serie gepasst. Wie die meisten Teenager war auch ich extrem empfänglich für Hypes und Modeerscheinungen, weshalb ich auch von der 1998 grassierenden Begeisterung für den "Meister" mit der nur zur Hälfte wallenden Haarpracht angesteckt worden war. Über Stefan Raabs Evergreen "Guildo hat euch lieb" muss ja nicht mehr so viel erzählt werden, dieses Lied ist auf immer und ewig Sinnbild für das letzte Röcheln der Ende der Neunziger vor sich hinsterbenden Spaßgesellschaft. Horn bot auf "Danke!" ein Potpourri aus neuarrangierten Schlagerklassikern und mehr oder minder erträglichen Eigenkompositionen, wobei die Gassenhauer in der Mehrheit waren. Und so sang er "Wunder gibt es immer wieder", "Aber bitte mit Sahne" und "Baby, du bist nicht alleine", und ich hörte mir das allen Ernstes mit Begeisterung an. Asche auf mein Haupt. Glücklicherweise erfolgte schon wenige Monate nach meiner Verirrung die große Bekehrung zur "richtigen" Musik durch "Songs of faith and devotion", aber diese Geschichte gehört hier nicht hin.

HIM - Razorblade romance (1999)

Achtung, Kalauer: Wo eine Wille ist, ist auch ein Valo. Kellertür auf, Treppe runter, Lachschaden. Andere Herangehensweise, Promostyle: Die romantischen finnischen Goth-Rocker um den charismatischen Frontmann Ville Valo sind zurück. Im Gepäck haben sie nicht nur ihren Smash-Hit "Join me (in death)", sondern ein ganzes Album voller düsterer Herzensbrecher und treibender Rocksongs. Schwermetallische Gitarrenarbeit trifft auf Valos unverwechselbaren Bariton, Herz reimt sich auf Schmerz. HIM machen keine Gefangenen, denn sie sind hier, um die Welt im Sturm zu erobern. Zitat: "Ich glaub ich muss kotzen.", Zitat Ende. Ich weiß noch genau, warum ich mir "Razorblade romance" - das Album zum Smash-Hit - gekauft habe: Im VIVA-Videotext wurde das Album als das neue "Nevermind" gepriesen. Jung und doof wie ich war, glaubte ich das. Obwohl ich eigentlich "In utero" viel lieber als "Nevermind" mochte. Und obwohl ich doch "Join me" kannte, und hätte wissen müssen, dass die bei VIVA ganz schlimme Lüger waren. Hätte ich doch lieber Aquas "Aquarium" kaufen sollen. (was ich übrigens 2006 auf einem Flohmarkt getan habe...)

Papa Roach - Infest (2001)

"Cut my life into pieces, this is my last resort!" Auftritt: Iron-Maiden-Riff, gefolgt von einem total emotionalen Rap von niemand anderem als Coby Dick, dem Peniswitz unter den Rocksängern. Als Teenager ist man ja emotional meist recht instabil unterwegs, was eine Erklärung für die große Popularität von aggressivem Genöle bei adoleszenten Menschen (v.a. bei Jungs) sein könnte. Die Welt ist böse, Schule ist doof und die Eltern sowieso, weil man am Wochenende nicht auf die Party gehen darf. Logische Trotzreaktion: Laute Musik, möglichst auf Englisch, damit sich zum Nicht-Einverstanden-Sein mit dem Leben ein Nicht-Verstehen der Texte gesellt. Texte sind ohnehin nur insofern wichtig, als dass sie möglichst pointiert mitteilen sollen, dass alles Mist ist. Womit wir wieder bei Papa Roach wären: "I can't go on living this way" schreit Coby Dick am Ende von "Last resort". Kann man mal machen. Ebenso einprägsam dann auch der Rest der Kakerlakenkacke: "Broken home", "Revenge", "Binge". Songtitel, die ausdrücken, wie wenig Dick und Kollegen eigentlich zu sagen hatten. Nur gut, dass ich sie damals nur teilweise verstanden habe.

Marusha - Snow in july (2002)

Es muss einfach mal gesagt werden: Marusha ist eine tumbe Nuss. Beweismaterial geistert genügend im Netz herum. Ob es nun Interviews über Angela Merkel oder esoterische Monologe über das total spacige Leben in den Neunzigern sind: Marusha leidet an einer gefährlichen Hirnzellenunterversorgung. Berühmt geworden ist die Frau damals mit einer bumsfidelen Coverversion des unkaputtbaren "Somewhere over the rainbow". Und einige ihrer Tracks (allen voran "Deep" und "U R life") kann man sich sogar heute noch bei akutem Verlangen nach Nostalgie anhören. Warum ich allerdings "Snow in july", ein reichlich uninspiriertes Geseier über einem reichlich uninspirierten Beat, besitze, weiß ich beim besten Willen nicht. Vielleicht fand ich damals ja Marusha noch ernsthaft gut. Die Möglichkeit besteht - gab es doch einmal eine Phase, in der ich eine unerklärliche Schwäche für 90er-Techno und ähnliche Undinge hatte. Wobei Marusha sich zu gutem Techno so verhält wie Rindfleisch zu einem vegetarischen Quiche.

Freitag, 25. April 2014

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Werbung

Ich hatte ja schon länger vor, mich darum zu bemühen, die Leserschaft dieses kleinen Blogs ein wenig zu erweitern. Bisher setzt sie sich ja größtenteils aus Menschen zusammen, die ich auch im "echten" Leben kenne. Das soll und muss nicht so bleiben. Daher werde ich in den nächsten Wochen die Werbetrommel rühren und mein Blog auf verschiedenen Plattformen vorstellen. Die Seite hier bleibt selbstverständlich frei von irgendwelchen Werbebannern oder ähnlichem. 

Beginnen wird die Anhörer-Marketingoffensive damit, dass ich das Blog in einschlägigen Verzeichnissen und Social-Media-Gruppen vorstellen werde. Eine dieser Seiten ist www.bloggerunited.de, welche seit ca. fünf Jahren Bloggern eine Plattform bietet, um sich der Welt zu präsentieren. Mit gut 2000 Likes auf facebook ist die Seite das, was man wohl als "klein, aber fein" bezeichnen könnte. 

Neugierige hier entlang:

Mittwoch, 23. April 2014

Lorelle Meets The Obsolete - Chambers (2014)

8/10

Oh Krach, wie ich dich liebe. Schon als junger Spund war es die lärmige Seite der Macht, die meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Auch wenn mein damaliger musikalischer Horizont nur knapp hinter "Scentless apprentice" endete, fand ich es höchst faszinierend, wie viel Wucht so ein wenig Geräusch doch mit sich bringen kann. Im Laufe der Jahre blieb ich - trotz diverser Geschmackserweiterungen - dem Rauschen erhalten. Sei es in eher rockiger Form, oder gar in pink und weiß. (Ja, ich mag experimentellen Ambient, der eher wie kaputte Plattenspieler klingt, aber dazu vielleicht ein andermal.) Irgendwann begab es sich dann auch, dass ich über My Bloody Valentines "Loveless" stolperte. Und ganz ehrlich: Am Anfang verstand ich nur Bahnhof. Irgendwie schon spekakulär, aber warum klang das nur so komisch? Viel zu viele Spuren, gepaart mit merkwürdig entrücktem Gesang. Zu viel für mein früheres Selbst. Dennoch gab ich mich nicht geschlagen, auch weil es aus allen Richtungen "Meisterwerk" schallte. Und irgendwann zündete das Album doch noch. Der schönste Krach der Welt hatte ein neues Opfer gefunden.

Was das alles mit Lorelle Meets The Obsolete zu tun hat? Nun, zunächst einmal agieren die beiden Mexikaner namens Lorena und Alberto in ähnlichen Gefilden wie My Bloody Valentine. Heißt: Treibende Basslinien, turmhoch aufgeschichtete Gitarrenwände, sphärisch-teilnahmsloser Gesang. Im Gegensatz zu den großen Vorbildern haben sie jedoch eine ganze Menge Dreck unter den Nägeln. Während Kevin Shields nur alle paar Jahrzehnte ein Album veröffentlichen kann, scheren sich Lorelle Meets The Obsolete wenig darum, wenn es an bestimmten Stellen noch gehörig im Gebälk knarrt. "Pattern music" nennen sie ihre Herangehensweise, und selten war eine Bezeichnung passender. Die Songs auf "Chambers", ihrem dritten Album, wirken zwar beim ersten Hören noch recht konventionell, jedoch folgen sie in Sachen Arrangement und Dynamik eher dem Track-Prinzip als dem althergebrachten Strophe-Refrain-Strophe-Schema. So fällt es überhaupt nicht auf, dass im Opener "What's holding you?" der Bass vier Minuten lang die selben zwei Töne spielt. Ebenso wenig stört, dass im Sixties-Stil scheppernden "The myth of the wise" das Schlagzeug klingt, als wäre Maureen Tucker aus dem Ruhestand zurückgekehrt. Werner würde sagen: Dengeldengeldengel, und ab dafür!

Die wirklichen Höhepunkte folgen erst in der Mitte des Albums. "Sealed scene" ist etwa ein Musterbeispiel für herrlich zügellosen Noiserock. Die Leadgitarre kreischt, das Schlagwerk scheppert. Dass man auch leise Lärm machen kann, zeigen Lorelle Meets The Obsolete in den beiden spukigen Schleichern "I can't feel the outside" (großartiger Titel!) und "Grieving". Vor allem letzterer Song weiß mit einer an Sigur Rós erinnernden Tremolofräse zu begeistern. Gevatter Krautrock stand sicherlich mehr als nur ein Mal Pate, als "Chambers" komponiert wurde, was u.a. das knarzig-knisternde "Music for dozens" beweist. Neben den monotonen, aber seinerzeit richtungweisenden Kapellen aus deutschen Landen dürften Lorena und Alberto jedoch auch große Fans des Halluzinogenen sein. Sowohl in substantieller als auch in musikalischer Hinsicht. Der Dachschaden, der sich nach längerem Abusus solcher chemischer Bespaßungen einstellen kann, wird dankend in Kauf genommen. Man muss die Welt auch mal mit den Ohren sehen dürfen.

"Chambers" ist im Februar 2014 bei Sonic Cathedral erschienen und wird in Deutschland von Al!ve vertrieben. Neugierige können die Band aber auch einfach per Bandcamp beschnuppern: http://obsoletelorelle.bandcamp.com/

Sonntag, 20. April 2014

Ist das peinlich... (Part 1)

Wohl jeder, der Tonträger sammelt und in mehr oder weniger sinnvoller Sortierung in Regalen verstauben lässt, besitzt Platten, deren käuflichen Erwerb er oder sie nur unter Gewaltandrohung zugeben würde. Meist landen jene CDs oder LPs an einem abgelegenen Ort, nicht selten fristen sie ein einsames und düsteres Dasein in irgendeiner Kiste auf dem Dachboden oder im Keller. Während sich mit einer besonderen Pressung eines Klassikers durchaus Eindruck bei Geeks und dem Besitzer des maroden Second-Hand-Plattenladens des Vertrauens schinden lässt, entlocken solche Peinlichkeiten nicht einmal dem Hund ein Mitleidshecheln. Schämen sollte man sich dafür, und das wohl auch zurecht. Man hätte den Klangmüll ja auch wegwerfen können.

Hätte man. Hat man aber nicht. Und so schlummern die grausigen Schätze stumm und vergessen vor sich hin, bis...ja bis zum Tag der Inventur. Neulich war auch bei mir mal wieder Zeit für eine Generalentrümpelung meiner Besitztümer. Diese brachte mit sich, dass ich auf eine kleine Schachtel stieß. Der Inhalt dieses Behältnisses machte mich zunächst stutzig, dann ein bisschen betroffen, schlussendlich aber sehr zufrieden. Für das Phrasenschwein: Nur wer zu seinen Fehlern steht, kann aus ihnen lernen.

Was drin war? Das kann und will ich euch natürlich nicht vorenthalten:

Mundstuhl - Dragan und Alder Weihnachtsmedley

Ende der Neunziger erfreuten sich in Deutschland Komiker, die so taten, als besäßen sie einen Migrationshintergrund großer Popularität. Ihr erinnert euch sicher noch an Erkan und Stefan, jene Münchener Burschen, die mit viel Elan einen weiteren Sargnagel in den Sarkophag des deutschen Humors trieben. Das Duo Mundstuhl übertrug das Konzept der Bayern ins Hessisch-Kanakische, wobei ihnen gelang, noch ein wenig stumpfer und infantiler zu kalauern. Auf dem nur knapp oberhalb des Meeresspiegels liegenden Karrierehöhepunkt der beiden Witzfiguren veröffentlichten sie das "Dragan und Alder Weihnachtsmedley". Hierbei handelte es sich um Neuinterpretationen bekannter Weihnachtslieder im Stile echt krass-korrekter Typen. Lustig? Eingeschränkt.

Warum ich diese Maxi-CD besitze: Zwei Antworten: Ich war 14. Und auf dem Cover urinierten Strichmännchen an einen Weihnachtsbaum. Ich bereue.


Dieter Hallervorden - Punker Maria

Wer nun aber glaubt, dass früher alles viel witziger war in deutschen Landen, der möge nun eines Besseren belehrt werden. Dieter Hallervorden, der so etwas wie die institutionalisierte Verkörperung des Blödelhumors darstellt, bespaßte Anfang der Achtziger sein Publikum mit einer eher nicht so subtilen Verballhornung des Schlagerhits "Santa Maria". Zitat: "Punker Maria / Ich hab meine Nadel verloren / Nur ein leeres Loch in den Ohren / Und mein Darling schimpft mit mir so sehr". Das Liedchen an sich ist nicht viel mehr als ein kleiner Kalauer, über den man ein Mal schmunzeln kann. In Verbindung mit Bildmaterial gewinnt der Song jedoch ungemein an Profil und Entwürdigungsfaktor. Vor allem, wenn man die Publikumsreaktion im Saal betrachtet.

Warum ich diese Single besitze: Nennen wir es einen Dachbodenfund. Ich bereue nicht.



Lecker Fischbrät - Haut 'se wech!

1994 feierte Stefan Raab seinen Durchbruch mit dem ins kollektive Gedächtnis übergegangenen "Bööörti Böörti Vogts". Vier Jahre später war der Terrier immer noch Bundestrainer, und auch wenn die deutsche Nationalmannschaft definitiv schon bessere Zeiten erlebt hatte, zählte sie zu den Mitfavoriten des WM-Turniers in Frankreich. Es lag also nahe, dass viele Künstler versuchen würden, einen WM-Hit unters Volk zu bringen. So auch Lecker Fischbrät, eine reichlich obskure Band aus Deutschlands Norden, die ihren Sinn für Humor der Topographie ihrer Heimatregion angepasst hatten. Die Musik: Crossover. Jene Totgeburt aus Rock und Rap, die vor allem in deutschen Landen viele Schrecknisse heraufbeschwor. Dass der Song kein Hit wurde, muss den Nicht-Käufern hoch angerechnet werden.

Warum ich diese Maxi-CD besitze: Ich erinnere mich gut, dass ich mit meinem besten Schulfreund im Müller-Markt stöbern war und wir auf diese CD gestoßen waren. Da wir sie beide haben wollten, kaufte ich sie ihm vor der Nase weg. Ja, das war gemein. Für alle Beteiligten.


Diverse - Just the best: Volume 12

Ein Pop-Sampler. Was macht der in dieser Liste? Die Antwort: Er ist der mit Abstand dümmste Kauf meines gesamten Lebens. Ich hatte nämlich die Compilation in erster Linie erworben, weil sich der Song "X-Ray (Follow me)" des Elektroprojektes Space Frog darauf befand. Die anderen 39 Songs waren mir mehr oder weniger egal, mir ging es einzig und allein um diesen einen Track. Weshalb ich nicht im Single-Regal gesucht habe, weiß ich bis heute nicht. Vielleicht war ich auch von dem potthässlichen Cover so in den Bann gezogen worden, dass mein Gehirn sich in den Betriebsurlaub verabschiedet hatte.

Warum ich diese Doppel-CD besitze: Jugendliche Blödheit?


Whigfield - Was a time (Deluxe Edition)

Nachdem die bisherigen Merkwürdigkeiten allesamt aus meiner Teeniezeit stammten, habe ich die nächste Katastrophe im Jahre 2005 gekauft. Da ich damals bereits stolze 20 Jahre alt war, kann ich es also nicht mehr ausschließlich auf die Dummheit der Jugend schieben. Für alle Spätgeborenen: Whigfield war jene junge Dame, die anno 1995 die Welt mit dem Lied "Saturday night" beglückt hatte. Ich möchte gar nicht wissen, wieviele Mädchen damals den Handtuchtanz vor dem Badezimmerspiegel imitierten. Dass die meisten Jungs das Video nicht wegen des eigentlichen Songs ansahen, dürfte ebenso klar sein. Nach dem Erfolg von "Saturday night" verschwand Whigfield ziemlich rasch wieder in der Versenkung, was sie (bzw. ihre Produzenten) nicht daran hinderte, in regelmäßigen Abständen weitere Alben auf den Markt zu würgen. "Was a time" war das fünfte Whigfield-Album, und es klang genauso klebrig und billig wie die davor. Der Clou an der von mir im Kaufrausch erworbenen Deluxe-Edition war, dass auf einer Bonus-DVD sämtliche Videos aus der überschaubaren Karriere der Dänin vertreten waren. Inklusive einer wirklich grauseligen Version von "Last christmas".

Warum ich diese CD besitze: Temporärer Reichtum macht blind. Und das geht bei mir schneller als bei anderen. 

Zum Abschluss (und zur Strafe) gibts nun "Last christmas". Ohren zu und durch:


Dienstag, 11. März 2014

Volkes Stimme

Ich ertappe mich immer wieder dabei, Kundenrezensionen zu neuen Alben auf amazon zu lesen. Weit weg vom Journalistensprech teilen die Menschen dort ihre Meinung zu CDs und Songs mit. Und selbst der größte Unfug bekommt mehrheitlich fünf Sterne - mit teils abenteuerlich anmutenden Begründungen.  Aber lest selbst:

Horst zu Oonagh, ganz entspannt:
Eine wundervolle Entspannung bei dieser Musik ist gewährleistet, kann ich nur empfehlen. eine Stimme wie ein Märchenfilm,
musicplayer29 zu Luxuslärm, zwingend logisch argumentierend:
Hier ist für jeden etwas dabei, es fällt wirklich nicht schwer sich in die Songs hinein zu versetzen. Man fühlt sich angesprochen. Es ist somit das Beste, was Deutschland im deutschen Rock/Pop - Bereich zu bieten hat.
C. Funk zu Xavier Naidoo, sichtlich aufgewühlt:
Was der Junge anpackt wird zu Gold!
Er fängt an zu singen und holt dich ab oder nimmt dich mit und, und....
Das ist Musik, die nicht nur den Muskeln, sondern auch den anderen Innereien gut tut!
Freizeitkünstler zu Unheilig, oder wie auch immer die Band heißt:
ich bin ein großer Fan von Unheilung und liebe diese Musik, daher ist es für mich einfach toll, diese CD zu besitzen.
C. Benten ganz pragmatisch zu Silbermond:
Der Artikel entspricht genau meinen Erwartungen. :)
Erfüllt voll und ganz seinen Zweck.
Würde ich bei erneutem Bedarf wieder bestellen.
F. Rummeleit zu Helene Fischer, im Metaphernfieber:
Wer das neue Helene Fischer Album „Farbenspiel“ in die Schublade Schlager stecken möchte, sollte den Boden extrem verstärken – denn die Klangmalerei auf „Farbenspiel“ ist ein musikalisches Schwergewicht, das die Grenzen des Schlagers sprengt. Von filigraner Zeichnung bis spraydosenverschleißender Graffiti reicht das Spiel mit vielerlei Klangfarben.
I. Möller hört Adel Tawil. Ganz großes Tennis:
Die "Lieder" nutzen sich nicht etwa mit jedem erneuten Hören ab, sondern entwickeln eine qualitative Eigendynamik der besonderen Art. Adel Tawil hat ein Kind im Ohr und nicht nur die Kinder haben Adel Tawil im Ohr! Und das zu Recht! Ein starker erster Solo Aufschlag! 
L. Levens zu Farid Bang:
Einfach geil wenn man farid hört :) Man sollte sich jedoch nicht von seiner art des rappens beeinflussen lassen, denn er macht es gut.
und schließlich noch Stefan Hüls zu den Sportfreunden Stiller (Chapeau!):
Dieses Album ist das derzeitige Highlight auf dem deutschsprachigen Musikmarkt. Die Texte gewohnt provokant, zweideutig, zwielichtig, das eigentlich Prägende dieses sympathischen Trios. Zwischen den Zeilen entpuppt sich der eigentliche Sinn des Textes: Sexistisch und Provokation pur. Das Image der Möchte-gern-Schwiegersöhne ist dennoch real - weiter so. 

Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Anmerkung: Bei einigen Zitaten habe ich kleinere Tippfehler korrigiert. Ansonsten sind die Textausschnitte 1:1 übernommen.

Montag, 10. März 2014

Schnellcheck #3: Ein leichtes Elbenschwert +1

In den letzten Wochen habe ich sehr viel Musik hören müssen. Und auch wenn ich einige Perlen entdecken durfte, war der Großteil des Gehörten doch wieder nur grausamer Schrott. Wobei man zwischen Schrott, der gerne Musik wäre und Schrott, der sich keine Mühe gibt, irgendetwas außer Schrott zu sein, differenzieren muss. Beginnen wir mit Letzterem:

Oonagh - Oonagh (1/10)
Ethno Pop, Gothic Schlager
"Una" spricht man das total mystische Pseudonym des singenden Seifenoper-Restpostens Senta-Sofia Delliponti aus. Auf Deutsch und Elbisch (!) präsentiert die junge Dame schleimige Schlagersongs, die mit einer gehörigen Portion Ethno- und Gothic-Grütze verrührt worden sind. Liedtitel wie "Minne", "Hymne der Nacht" und "Falke flieg" dürften reichen, um euch eine Ahnung von dem Schrecken zu geben, den das findige Produzententeam hinter Delliponti ausgeheckt hat. Stellt euch einfach eine Mischung aus Helene Fischer und Nu Pagadi vor. Tonkagh ist das.


Mike Oldfield - Man on the rocks (3/10)
AOR, Pop
Dass mich und Herrn Oldfield eine Art Hassliebe verbindet, habe ich ja bereits in epischer Breite in meiner Oldfield-Retrospektive erörtert. Und auch des Meisters neuestes Werk reiht sich nahtlos in die lange Folge mittelmäßiger bis grauenhafter Studioalben, die er seit 1985 auf den Markt geworfen hat, ein. "Man on the rocks" enthält Rocksongs, die genausogut von Chris Rea sein könnten. Eingesungen hat die harmlosen Schunkeleien Luke Spiller, während Mike sich ganz aufs Begleiten und unauffällig dahingniedeln konzentriert. Nur selten blitzt die alte Magie auf, der Großteil des Albums ist peinlich seichtes Geseier für Rentner mit PC.

Judith Holofernes - Ein leichtes Schwert (5/10)
Indie Pop, Folk
Die Helden sind fürs Erste abgemeldet. Sängerin Holofernes möchte sich dennoch nicht gänzlich Kind und Kegel widmen, sodass sie uns nun mit ihrem ersten Soloalbum beglückt. Und es ist leider eine eher zwiespältige Angelegenheit geworden. Tolle Balladen ("Havarie") und verschmitzte Scherzlieder ("Opossum") kann sie immer noch. Bemühte Affektheischereien ("M.I.L.F.") und bildungsbürgerliche Schenkelklopfer ("John Irving") leider auch. Am stärksten war und ist ihr Songwriting, wenn sie die kleinen emotionalen Krisen und Katastrophen in charmante Worte kleidet.


Darkplain - Moon (3/10)
Gothic Rock, Pop Metal
In grauer Vorzeit war ich einmal Sänger einer eher minder erfolgreichen Indierockband. Wie man es eben so macht, spielten wir regelmäßig auf sogenannten Newcomerfestivals. Diese Veranstaltungen sind meist eher trauriger Natur: Die alkoholisierte Dorfjugend ignoriert geflissentlich die übermotivierten Musiker auf der Bühne, wobei 90% aller Bands Coverversionen ihrer Lieblingsbands spielen - selbst wenn sie angeblich "Eigenkompositionen" vortragen. Was das alles mit Darkplain zu tun hat? Nun, eine Band wie Darkplain gab es auf JEDEM Festival. Fetzige Gitarren hier, ein wenig Gepose da, und in der Mitte die sogenannte Rockröhre, stimmlich präsent wie der Aktenvernichter im Sozialamt. Zu allem Überfluss haben die Bandmitglieder von Darkplain auch noch schwarze Klamotten an. Voll evil und romantisch und so.

Katy B - Little Red (6/10)
Electro Pop, Dance
Nach dem ganzen Gebashe nun noch etwas Positives als Rausschmeißer. Die Engländerin Katy B macht tanzbare Popmusik mit einem angenehmen House- und Garage-Einschlag. Tiefsinnig oder gar mit einer längeren Halbwertszeit gesegnet sind ihre Nummern nicht, aber eine gewisse Sexyness und Eleganz kann man ihnen nicht absprechen. Gerade, wenn es so richtig in die Vollen geht ("5 AM", "I like you"), fährt einem durchaus die Tanzwut in die Extremitäten. Leider befinden sich auf dem Album ein paar Füller zu viel, was insgesamt aber wenig an der Erkenntnis rüttelt, dass Talent in großer Menge vorhanden ist.