Freitag, 25. April 2014

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Werbung

Ich hatte ja schon länger vor, mich darum zu bemühen, die Leserschaft dieses kleinen Blogs ein wenig zu erweitern. Bisher setzt sie sich ja größtenteils aus Menschen zusammen, die ich auch im "echten" Leben kenne. Das soll und muss nicht so bleiben. Daher werde ich in den nächsten Wochen die Werbetrommel rühren und mein Blog auf verschiedenen Plattformen vorstellen. Die Seite hier bleibt selbstverständlich frei von irgendwelchen Werbebannern oder ähnlichem. 

Beginnen wird die Anhörer-Marketingoffensive damit, dass ich das Blog in einschlägigen Verzeichnissen und Social-Media-Gruppen vorstellen werde. Eine dieser Seiten ist www.bloggerunited.de, welche seit ca. fünf Jahren Bloggern eine Plattform bietet, um sich der Welt zu präsentieren. Mit gut 2000 Likes auf facebook ist die Seite das, was man wohl als "klein, aber fein" bezeichnen könnte. 

Neugierige hier entlang:

Mittwoch, 23. April 2014

Lorelle Meets The Obsolete - Chambers (2014)

8/10

Oh Krach, wie ich dich liebe. Schon als junger Spund war es die lärmige Seite der Macht, die meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Auch wenn mein damaliger musikalischer Horizont nur knapp hinter "Scentless apprentice" endete, fand ich es höchst faszinierend, wie viel Wucht so ein wenig Geräusch doch mit sich bringen kann. Im Laufe der Jahre blieb ich - trotz diverser Geschmackserweiterungen - dem Rauschen erhalten. Sei es in eher rockiger Form, oder gar in pink und weiß. (Ja, ich mag experimentellen Ambient, der eher wie kaputte Plattenspieler klingt, aber dazu vielleicht ein andermal.) Irgendwann begab es sich dann auch, dass ich über My Bloody Valentines "Loveless" stolperte. Und ganz ehrlich: Am Anfang verstand ich nur Bahnhof. Irgendwie schon spekakulär, aber warum klang das nur so komisch? Viel zu viele Spuren, gepaart mit merkwürdig entrücktem Gesang. Zu viel für mein früheres Selbst. Dennoch gab ich mich nicht geschlagen, auch weil es aus allen Richtungen "Meisterwerk" schallte. Und irgendwann zündete das Album doch noch. Der schönste Krach der Welt hatte ein neues Opfer gefunden.

Was das alles mit Lorelle Meets The Obsolete zu tun hat? Nun, zunächst einmal agieren die beiden Mexikaner namens Lorena und Alberto in ähnlichen Gefilden wie My Bloody Valentine. Heißt: Treibende Basslinien, turmhoch aufgeschichtete Gitarrenwände, sphärisch-teilnahmsloser Gesang. Im Gegensatz zu den großen Vorbildern haben sie jedoch eine ganze Menge Dreck unter den Nägeln. Während Kevin Shields nur alle paar Jahrzehnte ein Album veröffentlichen kann, scheren sich Lorelle Meets The Obsolete wenig darum, wenn es an bestimmten Stellen noch gehörig im Gebälk knarrt. "Pattern music" nennen sie ihre Herangehensweise, und selten war eine Bezeichnung passender. Die Songs auf "Chambers", ihrem dritten Album, wirken zwar beim ersten Hören noch recht konventionell, jedoch folgen sie in Sachen Arrangement und Dynamik eher dem Track-Prinzip als dem althergebrachten Strophe-Refrain-Strophe-Schema. So fällt es überhaupt nicht auf, dass im Opener "What's holding you?" der Bass vier Minuten lang die selben zwei Töne spielt. Ebenso wenig stört, dass im Sixties-Stil scheppernden "The myth of the wise" das Schlagzeug klingt, als wäre Maureen Tucker aus dem Ruhestand zurückgekehrt. Werner würde sagen: Dengeldengeldengel, und ab dafür!

Die wirklichen Höhepunkte folgen erst in der Mitte des Albums. "Sealed scene" ist etwa ein Musterbeispiel für herrlich zügellosen Noiserock. Die Leadgitarre kreischt, das Schlagwerk scheppert. Dass man auch leise Lärm machen kann, zeigen Lorelle Meets The Obsolete in den beiden spukigen Schleichern "I can't feel the outside" (großartiger Titel!) und "Grieving". Vor allem letzterer Song weiß mit einer an Sigur Rós erinnernden Tremolofräse zu begeistern. Gevatter Krautrock stand sicherlich mehr als nur ein Mal Pate, als "Chambers" komponiert wurde, was u.a. das knarzig-knisternde "Music for dozens" beweist. Neben den monotonen, aber seinerzeit richtungweisenden Kapellen aus deutschen Landen dürften Lorena und Alberto jedoch auch große Fans des Halluzinogenen sein. Sowohl in substantieller als auch in musikalischer Hinsicht. Der Dachschaden, der sich nach längerem Abusus solcher chemischer Bespaßungen einstellen kann, wird dankend in Kauf genommen. Man muss die Welt auch mal mit den Ohren sehen dürfen.

"Chambers" ist im Februar 2014 bei Sonic Cathedral erschienen und wird in Deutschland von Al!ve vertrieben. Neugierige können die Band aber auch einfach per Bandcamp beschnuppern: http://obsoletelorelle.bandcamp.com/

Sonntag, 20. April 2014

Ist das peinlich... (Part 1)

Wohl jeder, der Tonträger sammelt und in mehr oder weniger sinnvoller Sortierung in Regalen verstauben lässt, besitzt Platten, deren käuflichen Erwerb er oder sie nur unter Gewaltandrohung zugeben würde. Meist landen jene CDs oder LPs an einem abgelegenen Ort, nicht selten fristen sie ein einsames und düsteres Dasein in irgendeiner Kiste auf dem Dachboden oder im Keller. Während sich mit einer besonderen Pressung eines Klassikers durchaus Eindruck bei Geeks und dem Besitzer des maroden Second-Hand-Plattenladens des Vertrauens schinden lässt, entlocken solche Peinlichkeiten nicht einmal dem Hund ein Mitleidshecheln. Schämen sollte man sich dafür, und das wohl auch zurecht. Man hätte den Klangmüll ja auch wegwerfen können.

Hätte man. Hat man aber nicht. Und so schlummern die grausigen Schätze stumm und vergessen vor sich hin, bis...ja bis zum Tag der Inventur. Neulich war auch bei mir mal wieder Zeit für eine Generalentrümpelung meiner Besitztümer. Diese brachte mit sich, dass ich auf eine kleine Schachtel stieß. Der Inhalt dieses Behältnisses machte mich zunächst stutzig, dann ein bisschen betroffen, schlussendlich aber sehr zufrieden. Für das Phrasenschwein: Nur wer zu seinen Fehlern steht, kann aus ihnen lernen.

Was drin war? Das kann und will ich euch natürlich nicht vorenthalten:

Mundstuhl - Dragan und Alder Weihnachtsmedley

Ende der Neunziger erfreuten sich in Deutschland Komiker, die so taten, als besäßen sie einen Migrationshintergrund großer Popularität. Ihr erinnert euch sicher noch an Erkan und Stefan, jene Münchener Burschen, die mit viel Elan einen weiteren Sargnagel in den Sarkophag des deutschen Humors trieben. Das Duo Mundstuhl übertrug das Konzept der Bayern ins Hessisch-Kanakische, wobei ihnen gelang, noch ein wenig stumpfer und infantiler zu kalauern. Auf dem nur knapp oberhalb des Meeresspiegels liegenden Karrierehöhepunkt der beiden Witzfiguren veröffentlichten sie das "Dragan und Alder Weihnachtsmedley". Hierbei handelte es sich um Neuinterpretationen bekannter Weihnachtslieder im Stile echt krass-korrekter Typen. Lustig? Eingeschränkt.

Warum ich diese Maxi-CD besitze: Zwei Antworten: Ich war 14. Und auf dem Cover urinierten Strichmännchen an einen Weihnachtsbaum. Ich bereue.


Dieter Hallervorden - Punker Maria

Wer nun aber glaubt, dass früher alles viel witziger war in deutschen Landen, der möge nun eines Besseren belehrt werden. Dieter Hallervorden, der so etwas wie die institutionalisierte Verkörperung des Blödelhumors darstellt, bespaßte Anfang der Achtziger sein Publikum mit einer eher nicht so subtilen Verballhornung des Schlagerhits "Santa Maria". Zitat: "Punker Maria / Ich hab meine Nadel verloren / Nur ein leeres Loch in den Ohren / Und mein Darling schimpft mit mir so sehr". Das Liedchen an sich ist nicht viel mehr als ein kleiner Kalauer, über den man ein Mal schmunzeln kann. In Verbindung mit Bildmaterial gewinnt der Song jedoch ungemein an Profil und Entwürdigungsfaktor. Vor allem, wenn man die Publikumsreaktion im Saal betrachtet.

Warum ich diese Single besitze: Nennen wir es einen Dachbodenfund. Ich bereue nicht.



Lecker Fischbrät - Haut 'se wech!

1994 feierte Stefan Raab seinen Durchbruch mit dem ins kollektive Gedächtnis übergegangenen "Bööörti Böörti Vogts". Vier Jahre später war der Terrier immer noch Bundestrainer, und auch wenn die deutsche Nationalmannschaft definitiv schon bessere Zeiten erlebt hatte, zählte sie zu den Mitfavoriten des WM-Turniers in Frankreich. Es lag also nahe, dass viele Künstler versuchen würden, einen WM-Hit unters Volk zu bringen. So auch Lecker Fischbrät, eine reichlich obskure Band aus Deutschlands Norden, die ihren Sinn für Humor der Topographie ihrer Heimatregion angepasst hatten. Die Musik: Crossover. Jene Totgeburt aus Rock und Rap, die vor allem in deutschen Landen viele Schrecknisse heraufbeschwor. Dass der Song kein Hit wurde, muss den Nicht-Käufern hoch angerechnet werden.

Warum ich diese Maxi-CD besitze: Ich erinnere mich gut, dass ich mit meinem besten Schulfreund im Müller-Markt stöbern war und wir auf diese CD gestoßen waren. Da wir sie beide haben wollten, kaufte ich sie ihm vor der Nase weg. Ja, das war gemein. Für alle Beteiligten.


Diverse - Just the best: Volume 12

Ein Pop-Sampler. Was macht der in dieser Liste? Die Antwort: Er ist der mit Abstand dümmste Kauf meines gesamten Lebens. Ich hatte nämlich die Compilation in erster Linie erworben, weil sich der Song "X-Ray (Follow me)" des Elektroprojektes Space Frog darauf befand. Die anderen 39 Songs waren mir mehr oder weniger egal, mir ging es einzig und allein um diesen einen Track. Weshalb ich nicht im Single-Regal gesucht habe, weiß ich bis heute nicht. Vielleicht war ich auch von dem potthässlichen Cover so in den Bann gezogen worden, dass mein Gehirn sich in den Betriebsurlaub verabschiedet hatte.

Warum ich diese Doppel-CD besitze: Jugendliche Blödheit?


Whigfield - Was a time (Deluxe Edition)

Nachdem die bisherigen Merkwürdigkeiten allesamt aus meiner Teeniezeit stammten, habe ich die nächste Katastrophe im Jahre 2005 gekauft. Da ich damals bereits stolze 20 Jahre alt war, kann ich es also nicht mehr ausschließlich auf die Dummheit der Jugend schieben. Für alle Spätgeborenen: Whigfield war jene junge Dame, die anno 1995 die Welt mit dem Lied "Saturday night" beglückt hatte. Ich möchte gar nicht wissen, wieviele Mädchen damals den Handtuchtanz vor dem Badezimmerspiegel imitierten. Dass die meisten Jungs das Video nicht wegen des eigentlichen Songs ansahen, dürfte ebenso klar sein. Nach dem Erfolg von "Saturday night" verschwand Whigfield ziemlich rasch wieder in der Versenkung, was sie (bzw. ihre Produzenten) nicht daran hinderte, in regelmäßigen Abständen weitere Alben auf den Markt zu würgen. "Was a time" war das fünfte Whigfield-Album, und es klang genauso klebrig und billig wie die davor. Der Clou an der von mir im Kaufrausch erworbenen Deluxe-Edition war, dass auf einer Bonus-DVD sämtliche Videos aus der überschaubaren Karriere der Dänin vertreten waren. Inklusive einer wirklich grauseligen Version von "Last christmas".

Warum ich diese CD besitze: Temporärer Reichtum macht blind. Und das geht bei mir schneller als bei anderen. 

Zum Abschluss (und zur Strafe) gibts nun "Last christmas". Ohren zu und durch:


Dienstag, 11. März 2014

Volkes Stimme

Ich ertappe mich immer wieder dabei, Kundenrezensionen zu neuen Alben auf amazon zu lesen. Weit weg vom Journalistensprech teilen die Menschen dort ihre Meinung zu CDs und Songs mit. Und selbst der größte Unfug bekommt mehrheitlich fünf Sterne - mit teils abenteuerlich anmutenden Begründungen.  Aber lest selbst:

Horst zu Oonagh, ganz entspannt:
Eine wundervolle Entspannung bei dieser Musik ist gewährleistet, kann ich nur empfehlen. eine Stimme wie ein Märchenfilm,
musicplayer29 zu Luxuslärm, zwingend logisch argumentierend:
Hier ist für jeden etwas dabei, es fällt wirklich nicht schwer sich in die Songs hinein zu versetzen. Man fühlt sich angesprochen. Es ist somit das Beste, was Deutschland im deutschen Rock/Pop - Bereich zu bieten hat.
C. Funk zu Xavier Naidoo, sichtlich aufgewühlt:
Was der Junge anpackt wird zu Gold!
Er fängt an zu singen und holt dich ab oder nimmt dich mit und, und....
Das ist Musik, die nicht nur den Muskeln, sondern auch den anderen Innereien gut tut!
Freizeitkünstler zu Unheilig, oder wie auch immer die Band heißt:
ich bin ein großer Fan von Unheilung und liebe diese Musik, daher ist es für mich einfach toll, diese CD zu besitzen.
C. Benten ganz pragmatisch zu Silbermond:
Der Artikel entspricht genau meinen Erwartungen. :)
Erfüllt voll und ganz seinen Zweck.
Würde ich bei erneutem Bedarf wieder bestellen.
F. Rummeleit zu Helene Fischer, im Metaphernfieber:
Wer das neue Helene Fischer Album „Farbenspiel“ in die Schublade Schlager stecken möchte, sollte den Boden extrem verstärken – denn die Klangmalerei auf „Farbenspiel“ ist ein musikalisches Schwergewicht, das die Grenzen des Schlagers sprengt. Von filigraner Zeichnung bis spraydosenverschleißender Graffiti reicht das Spiel mit vielerlei Klangfarben.
I. Möller hört Adel Tawil. Ganz großes Tennis:
Die "Lieder" nutzen sich nicht etwa mit jedem erneuten Hören ab, sondern entwickeln eine qualitative Eigendynamik der besonderen Art. Adel Tawil hat ein Kind im Ohr und nicht nur die Kinder haben Adel Tawil im Ohr! Und das zu Recht! Ein starker erster Solo Aufschlag! 
L. Levens zu Farid Bang:
Einfach geil wenn man farid hört :) Man sollte sich jedoch nicht von seiner art des rappens beeinflussen lassen, denn er macht es gut.
und schließlich noch Stefan Hüls zu den Sportfreunden Stiller (Chapeau!):
Dieses Album ist das derzeitige Highlight auf dem deutschsprachigen Musikmarkt. Die Texte gewohnt provokant, zweideutig, zwielichtig, das eigentlich Prägende dieses sympathischen Trios. Zwischen den Zeilen entpuppt sich der eigentliche Sinn des Textes: Sexistisch und Provokation pur. Das Image der Möchte-gern-Schwiegersöhne ist dennoch real - weiter so. 

Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Anmerkung: Bei einigen Zitaten habe ich kleinere Tippfehler korrigiert. Ansonsten sind die Textausschnitte 1:1 übernommen.

Montag, 10. März 2014

Schnellcheck #3: Ein leichtes Elbenschwert +1

In den letzten Wochen habe ich sehr viel Musik hören müssen. Und auch wenn ich einige Perlen entdecken durfte, war der Großteil des Gehörten doch wieder nur grausamer Schrott. Wobei man zwischen Schrott, der gerne Musik wäre und Schrott, der sich keine Mühe gibt, irgendetwas außer Schrott zu sein, differenzieren muss. Beginnen wir mit Letzterem:

Oonagh - Oonagh (1/10)
Ethno Pop, Gothic Schlager
"Una" spricht man das total mystische Pseudonym des singenden Seifenoper-Restpostens Senta-Sofia Delliponti aus. Auf Deutsch und Elbisch (!) präsentiert die junge Dame schleimige Schlagersongs, die mit einer gehörigen Portion Ethno- und Gothic-Grütze verrührt worden sind. Liedtitel wie "Minne", "Hymne der Nacht" und "Falke flieg" dürften reichen, um euch eine Ahnung von dem Schrecken zu geben, den das findige Produzententeam hinter Delliponti ausgeheckt hat. Stellt euch einfach eine Mischung aus Helene Fischer und Nu Pagadi vor. Tonkagh ist das.


Mike Oldfield - Man on the rocks (3/10)
AOR, Pop
Dass mich und Herrn Oldfield eine Art Hassliebe verbindet, habe ich ja bereits in epischer Breite in meiner Oldfield-Retrospektive erörtert. Und auch des Meisters neuestes Werk reiht sich nahtlos in die lange Folge mittelmäßiger bis grauenhafter Studioalben, die er seit 1985 auf den Markt geworfen hat, ein. "Man on the rocks" enthält Rocksongs, die genausogut von Chris Rea sein könnten. Eingesungen hat die harmlosen Schunkeleien Luke Spiller, während Mike sich ganz aufs Begleiten und unauffällig dahingniedeln konzentriert. Nur selten blitzt die alte Magie auf, der Großteil des Albums ist peinlich seichtes Geseier für Rentner mit PC.

Judith Holofernes - Ein leichtes Schwert (5/10)
Indie Pop, Folk
Die Helden sind fürs Erste abgemeldet. Sängerin Holofernes möchte sich dennoch nicht gänzlich Kind und Kegel widmen, sodass sie uns nun mit ihrem ersten Soloalbum beglückt. Und es ist leider eine eher zwiespältige Angelegenheit geworden. Tolle Balladen ("Havarie") und verschmitzte Scherzlieder ("Opossum") kann sie immer noch. Bemühte Affektheischereien ("M.I.L.F.") und bildungsbürgerliche Schenkelklopfer ("John Irving") leider auch. Am stärksten war und ist ihr Songwriting, wenn sie die kleinen emotionalen Krisen und Katastrophen in charmante Worte kleidet.


Darkplain - Moon (3/10)
Gothic Rock, Pop Metal
In grauer Vorzeit war ich einmal Sänger einer eher minder erfolgreichen Indierockband. Wie man es eben so macht, spielten wir regelmäßig auf sogenannten Newcomerfestivals. Diese Veranstaltungen sind meist eher trauriger Natur: Die alkoholisierte Dorfjugend ignoriert geflissentlich die übermotivierten Musiker auf der Bühne, wobei 90% aller Bands Coverversionen ihrer Lieblingsbands spielen - selbst wenn sie angeblich "Eigenkompositionen" vortragen. Was das alles mit Darkplain zu tun hat? Nun, eine Band wie Darkplain gab es auf JEDEM Festival. Fetzige Gitarren hier, ein wenig Gepose da, und in der Mitte die sogenannte Rockröhre, stimmlich präsent wie der Aktenvernichter im Sozialamt. Zu allem Überfluss haben die Bandmitglieder von Darkplain auch noch schwarze Klamotten an. Voll evil und romantisch und so.

Katy B - Little Red (6/10)
Electro Pop, Dance
Nach dem ganzen Gebashe nun noch etwas Positives als Rausschmeißer. Die Engländerin Katy B macht tanzbare Popmusik mit einem angenehmen House- und Garage-Einschlag. Tiefsinnig oder gar mit einer längeren Halbwertszeit gesegnet sind ihre Nummern nicht, aber eine gewisse Sexyness und Eleganz kann man ihnen nicht absprechen. Gerade, wenn es so richtig in die Vollen geht ("5 AM", "I like you"), fährt einem durchaus die Tanzwut in die Extremitäten. Leider befinden sich auf dem Album ein paar Füller zu viel, was insgesamt aber wenig an der Erkenntnis rüttelt, dass Talent in großer Menge vorhanden ist.

Donnerstag, 27. Februar 2014

Pharrell Williams - G I R L (2014)

7/10

Manche Menschen werden zu Popstars, weil sie neben einer erträglichen Stimme extrem gutes Aussehen in die Waagschale werfen können. Andere sehen aus wie ein Mettigel, haben dafür allerdings die Stimme eines Engels. Und wieder andere sind eigentlich ziemliche Durchschnittstypen, haben dafür aber ein unglaubliches Gespür für den Geschmack der Massen. Der Musiker, auf den diese Beschreibung in den zurückliegenden Jahren wohl am besten passt, ist Pharrell Williams. Ein Mann, der schon zu Beginn der letzten Dekade für alle möglichen Popsternchen Hitsingles produziert und mit seinem Sound maßgeblich die Popmusik der 00er-Jahre geprägt hat. ("Drop it like it's hot", "Beautiful", "I'm a slave 4 U", die Liste ist lang.)

Pharrells Ruhm beschränkte sich bis auf einige Ausnahmen jedoch meist auf seine Tätigkeit hinter den Reglern. Erst im letzten Jahr gelang dem Sänger Williams so etwas wie ein Comeback als Popidol: Das übermächtige "Get lucky", welches er für Daft Punk einsang und ein Feature in Robin Thickes kontroverser Hüpfnummer "Blurred lines" machten den ehemaligen N*E*R*D zur bestimmenden Figur bei Preisverleihungen und Jahresendabrechnungen jeglicher Art. Auch 2014 beginnt erfolgreich für den Musiker: Mit "Happy", einer mollig-funkigen Schunkelnummer hat er schon wieder einen Superhit. Es scheint, als würde da jemand einen Thron besteigen wollen.

Einen Thron? Aber sicher. Der König ist tot, der Prinz im Altersheim. Der Neffe Pharrell ist bereit, die Thronfolge anzutreten. Die Musik zur Krönungszeremonie hat er praktischerweise selbst komponiert und auf sein neuestes Album "G I R L" gepackt. "G I R L" ist - wie der Titel schon vermuten lässt - ähnlich tiefschürfend und problemorientiert wie "Saturday Night Fever", aber mal ehrlich: Wen interessierts? Es muss auch Tanzmusik geben, und wenn sie derart funky und furztrocken daherkommt wie bei Pharrell, dann darf es gerne auch monothematisch zugehen. Zudem hat Williams ja immer noch genug Zeit, sich in seinem Alterswerk an den Problemen dieser Welt abzuarbeiten. Jetzt ist keine Zeit für sowas, der Arsch muss bewegt werden, solange er noch bewegt werden kann.

"G I R L" kombiniert klassische Funk-Grooves mit souligen Streicherparts und einer unglaublichen Eingängigkeit. Musik zum Mitschnippen und Mitwippen. Soundtechnisch aufs Nötigste reduziert steht der Rhythmus im Mittelpunkt der Kompositionen. So puristisch klang Mainstreammusik schon lange nicht mehr. Gesanglich zeigt sich Williams deutlich gereift. Egal ob eunuchales Falsett oder an Marvin Gaye erinnerndes Croonertum - er kann es. Ebenso beherrscht derzeit kein Zweiter so meisterhaft die Verbindung aus eigentlich ziemlich unverkäuflichen Akkordfolgen und dennoch unwiderstehlichen Melodieführungen, was besonders die jazzigen Balladen gegen Ende des Albums zeigen. Zudem ist die Platte wunderbar produziert. Kein Kompressoren-Overkill, kein Soundmatsch.

Wer nun bei einem Blick auf einige der Features (Miley Cyrus, Justin Timberlake) skeptisch die Augenbrauen hebt, sei beruhigt: Beide fügen sich nahtlos in den lässigen Flow des Albums ein und sind bei weitem nicht so penetrant wie als Solokünstler. Gerade Uns-Miley hat ja eigentlich 'ne tolle Stimme, selbst mit Klamotten an. So ist ihr Auftritt in der bumpernden Beischlafklamotte "Come get it bae" weder störend noch übermäßig doof. Apropos doof: Hier verdient sich "Lost queen" eine besondere Erwähnung. Das Lied vereint einen Beat, der aus dem König der Löwen-Soundtrack stammen könnte, mit einer infantilen Melodie und einem stumpf auftrumpfenden Text zu einem absoluten Ohrwurm. Muss man gehört haben.

In Anbetracht des wie immer recht desolaten Zustandes der Massenmusik ist Pharrell so etwas wie der Zauberer im aus den Orkgetümmel ragenden Turm. Ein Mann, der um seine Qualitäten weiß und sein Potential endlich voll ausschöpft. Er macht Musik für den Augenblick, und vielleicht auch Musik zum Vergessen. Und das ist ein Kompliment.

"G I R L" erscheint am 3. März 2014 bei Sony Music.

Donnerstag, 6. Februar 2014

Top 100, 16: Pink Floyd - The dark side of the moon (1973)


So, jetzt haben wir den Salat. Jetzt ist der Moment gekommen, an dem ich tatsächlich etwas über "Dark side of the moon" schreiben muss. Als ob das angesichts der stets bemühten (hier bitte böse gemeinte Assoziationen mit Grundschulzeugnissen einfügen) Superlative, die Geschreibsel zu diesem Meisterwerk begleiten, wirklich noch sein müsste.

Die allererste Frage muss daher lauten: Ist es denn wirklich so gut wie sein Ruf? Oder hat sich da nicht vielmehr ein Gutfindungszwang in den Köpfen manifestiert? Es war ca. 1000 Wochen in den Charts. Es verkaufte sich schneller als sein Mondschatten. Sogar Omma kennt das ikonische Cover mit dem Prisma. Daher könnte ich es jetzt eigentlich schon sein lassen. Wirklich neue Erkenntnisse werde ich dem Textnirwana sicherlich nicht beimengen können. Einigen wir uns also fürs erste darauf, dass "Dark side of the moon" ein kleines bisschen zu wichtig genommen wird und gleichzeitig ein fantastisches Album ist.

Wer doch mehr wissen möchte, möge weiterlesen:

Das, was ich am innigsten an der Platte liebe, ist ihr Flow. Nach dem träumerischen Introsong "Breathe" geht es nahtlos in das rastlose "On the run" über. Von rechts nach links wabert der Moog vorbei, während das Hihat stoisch den Puls vorgibt. Normalerweise finde ich es wenig erbaulich, wenn Bands ihre Alben mit einer dahingehauchten Balladenskizze und minutenlangem Synthiegeblubber eröffnen. Hier funktioniert es jedoch ganz hervorragend - weil man weiß, dass das Vorgeplänkel nötig ist, um die darauf folgenden Songs ins rechte Licht zu rücken.

Das Gebimmel, das "Time" eröffnet, schreckt auf. Schluss mit Geschwurbel, die Uhr tickt. Schon wieder ein Intro, diesmal jedoch eines, das kein Weghören duldet. Die typische Pink Floyd-Gitarre badet im Echo, ehe urplötzlich die ganze Band einsteigt. Was folgt, ist der Rest des Albums.

Moment mal, was?

Ich habe lange überlegt, wie ich die Emotionen, die ich von "Time" bis "Eclipse" durchlebe, wenn ich das Album höre, beschreiben soll. Ich sehe den "Rest des Albums" als Einheit. Als einen einzigen, gigantischen Song, in dem Motive angedeutet, weitergedacht, wiederaufgenommen und kunstvoll vollendet werden. Ein Song, der während "The great gig in the sky" orgiastische Höhen erklimmt, um sich kurz darauf in dem zynisch-abgezockten Groove von "Money" zu suhlen.

Die finale Mini-Suite aus "Us and them", "Any colour you like", "Brain damage" und eben "Eclipse" bläst - die richtigen Werkzeuge vorausgesetzt - auch heute noch aus den Latschen. Nicht obwohl, sondern weil sie viel zu dick auftragen. Während jedoch andere "progressive" Bands jener Zeit sich völlig ins Abseits dudelten, behalten Pink Floyd den Fokus. Viele Spuren? Genehmigt. Alle Effekte dieser Welt auf der Gitarre? Gerne. Die Marmeladenseite muss aber oben bleiben. Immer.

Zudem ist es jener immer wieder aufblitzende Humor, der bei Laune hält. Besonders augenfällig ist hier natürlich "Brain damage" mit den herrlichen Zeilen: "The lunatic is on the grass / the lunatic is on the grass / Remembering games and daisy chains and laughs / Got to keep the loonies on the path." Spießbürgertum, Ichkrise und Weltraummelodie in einem Stück,

Der Rest vom Rest ist Glorie und Elysium. Zum Himmel damit!