Mittwoch, 1. Mai 2013

Kopf voraus ins Verderben

Vorwort: Die "Diskographik"-Rubrik beschäftigt sich nicht ausschließlich mit Künstlern, die mit den Jahren immer schlechtere Musik fabrizierten. Es ist bloßer Zufall, dass nach Mike Oldfield nun Goldfrapp bespracht werden.

Die älteren Herrschaften unter euch werden sich vielleicht noch erinnern: 2001 erschien "Felt Mountain", das Debütalbum des britischen Duos Goldfrapp. Von Kritikern in den Himmel gelobt, von den meisten Käufern verschmäht, von mir geliebt. "Felt Mountain" war ein Meisterwerk. Nicht nur offensichtliche Hits wie das böse "Human", oder das hymnische "Utopia", sondern auch Verrücktheiten wie das direkt aus dem Wolkenkuckucksheim stammende "Oompa Radar" machten das Album zu einer der wichtigsten Veröffentlichungen des Jahres. Goldfrapp waren anders, sie verbanden avantgardistische Arrangements und Instrumentierungen mit klassischen Songstrukturen, und erzeugten so eine von emotionaler Kälte und Entfremdung geprägte Atmosphäre. Und diese Stimme! Alison Goldfrapp hauchte, flüsterte, quiekte, schrie und ertrank... 


"Black Cherry", das zweite Album von Alison und Will, war zwar im Gegensatz zum Debüt lauter, schroffer und fickiger, (wer "Twist" oder "Strict Machine" gehört hat, weiß, was ich meine) aber keinen Deut schlechter als "Felt Mountain". Noch schien die Welt in Ordnung - ich habe die Band im Jahr 2003 live erlebt, und was sie damals trotz widriger Umstände (Soundprobleme, Festival, besoffenes Publikum) auf die Bühne zauberte, weckte große Hoffnungen. Lieblingsbands hat man ja nicht viele, und Goldfrapp schickten sich damals an, einen festen Platz in der wichtigsten Abteilung des Plattenregals zu sichern. 


Es folgte "Supernature". Schon als ich den Titel gelesen, und das Booklet gesehen hatte, schwante mir Übles. Das sah irgendwie eher wie das Cover eines Modemagazins aus. Natürlich hatte "Black Cherry" auch schon in Richtung Disco geschielt, aber das, was auf dem dritten Album passierte, war des Guten zu viel. Tracks wie "Ooh La la" und "Lovely 2 c u" konnte man sich noch schönsaufen, bzw. -tanzen, und Perlen wie "Ride on a white horse" machten das Album zumindest erträglich. Besonders in der zweiten Hälfte der Platte blieb einem jedoch nichts anderes übrig, als ratlos ins Leere zu starren. Tanzbare Nichtigkeiten, die teilweise direkt in die Banalität hineinstolperten. ("Koko", "Number One") Was war passiert? 


Ich hatte Goldfrapp im Prinzip zu den Akten gelegt. Zwei gute Alben, und dann gabs keines mehr.  Dachte ich zumindest - bis "Seventh Tree" im Frühjahr 2008 erschien. Anfangs freute ich mich über die Rückkehr zu den leisen Tönen, und Lieder wie das traurige "Clowns" und das verträumte "A & E" höre ich heute noch gern. Aber irgendetwas war  faul an "Seventh Tree", irgendetwas stimmte nicht. Während "Felt Mountain" wie aus einem Guss klang und es auch mal wagte, einen Blick über den Tellerrand zu blicken ("Deer Stop"), blieb das vierte Album merkwürdig steril und emotionslos. Das Feuer fehlte, die Faszination war erloschen.

Willkommen in der Gegenwart. Die ehemals elfenzarte Alison Goldfrapp sieht heute aus wie ein Lastwagen mit Federboa. Sie singt noch immer, und hat mit ihrem Kumpanen Will Gregory auch 2010 ein Album veröffentlicht. "Head First" heißt es, und es klingt so, als hätte jemand Disco Stu zuviel Kokain in den Drink gekippt. Ich habe mich ja schon einmal auf dieser Seite über das Album echauffiert, und möchte die Gelegenheit nutzen, es ein weiteres Mal zu tun. "Head First" möchte offenbar diejenigen befriedigen, die jedesmal, wenn jemand das grausige Wort "Retro" in den Kopf, äh Mund nimmt, kurz davor stehen, Nissan Multipla-ähnliche Orgasmen zu bekommen. Über das debile "Rocket" kann man sich ja noch freuen, und "Voicething" hat coole Stellen - aber der Rest? Was zur Hölle ist mit meiner einstigen Lieblingsband passiert? Was bezahlt man denen, damit sie solchen Unfug veröffentlichen? Haben die ihre Ohren verkauft?

Schauen wir uns mal das ganze Dilemma an. Goldfrapp haben sich stets verändert, friedensliebende Individuen würden sagen "weiterentwickelt". Ich habe Respekt vor Künstlern, die ihren Stil in Frage stellen und sich immer wieder neu orientieren. Goldfrapp haben sich durchaus entwickelt - nur in einer Art und Weise, die mir den Angstschweiß auf die Stirn treibt, wenn ich daran denke, dass sie in zwei Jahren wahrscheinlich das nächste Album veröffentlichen werden. Mit Coverversionen von Cyndi Lauper und Wham!. Oder bin doch einfach ich schuld? Deutete sich nicht schon ganz am Anfang der Karriere des Duos an, wohin die Reise gehen würde? Die Bonus CD von "Felt Mountain" enthält eine, freundlich formuliert, "interessante" Coverversion des 80er-Klassikers "Physical" - konnte man nicht da schon erahnen, dass Goldfrapp in einer Sackgasse gestartet waren?


Konnte man nicht. Debütalben decken selten sämtliche Facetten der künstlerischen Möglichkeiten eines Musikers ab. Dass Alison und Will den Mut hatten, das zu machen, worauf sie Bock hatten, muss man ihnen durchaus hoch anrechnen. Warum sie aber irgendwann aufgehört haben, sich Mühe zu geben, verstehe ich nicht. Eine Sängerin mit solch überragendem Talent und ein Arrangeur mit solcher Erfahrung und Virtuosität einigen sich also nach Jahren der Zusammenarbeit darauf, ab sofort nur noch Klingeltöne zu produzieren? Dei Mudda. War es, wie so oft, der Wunsch nach dem "kommerziellen Durchbruch"? Und wurde nicht einst kolportiert, dass auf "Felt Mountain" die Mehrheit des kreativen Inputs von Gregory kam, während auf den späteren Alben Alison das Ruder an sich gerissen hat? Dann wäre die Frau also schuld. Aber sie ist doch ein elfenzarter Lastwagen!

Man könnte einfach sagen: "Every story has to end". Es wäre wohl besser, wenn Alison Goldfrapp und Will Gregory dies beherzigen würden und ihr Glück im Logistikbereich suchen würden.

1. Nachwort: Die beiden auf der letztjährigen Singles-Compilation erschienenen neuen Songs ("Yellow Halo", "Melancholy Sky") lassen übrigens auf bessere Zeiten hoffen. Zumindest sind beide besser als das ganze vermaledeite "Head First"-Album.
2. Nachwort: Dieser Artikel entstand schon vor 2 Jahren, da sein bisheriger Aufenthaltsort (splibs.net) allerdings nicht mehr existiert, fand ich es angebracht, den Text in ein neues Wohnzimmer zu setzen. Möge er hier ein glücklicheres Dasein fristen.