Montag, 27. Mai 2013

Debütalbum

Oh Gott, wie aufregend das ist! Das Ablösen der Schutzfolie, das Bestaunen der Hülle, schließlich das Einlegen der CD in den Player...große Erwartungen gehen Hand in Hand mit einer tief empfundenen Zufriedenheit. Das hier ist kein BRAVO Hits-Sampler, den man von Tante Elfriede geschenkt bekommen hat, sondern eine mühsam vom Taschengeld abgesparte Investition! Sekunden vergehen, das Abspielgerät zeigt Dauer und Titelzahl des Albums an. Zehn Tracks, verteilt auf ca. 40 Minuten Spielzeit. Nicht viel, aber allemal genug für mich - vor allem, da ich nur drei der zehn Lieder bereits aus dem Radio und durch MTV (ja, das gab es damals noch...) kenne.

Wir befinden uns im Jahr 1996. Helmut Kohl ist seit 30 Jahren Bundeskanzler und die deutsche Fußballnationalmannschaft hat trotz Berti Vogts die Europameisterschaft gewonnen. Die Charts werden von den letzten Überlebenden der Eurodance-Welle und Akronymen (CITA, BB, NSYNC, usw.) dominiert. Auf meinem Schreibtisch steht noch immer ein PC aus den Achtzigern, in meinem Kopf stellen sich die Weichen langsam aber unabwendbar auf "Pubertät".

Mein Finger wandert zum Play-Button. Das Booklet der CD habe ich bereits ausgebreitet, der erwachende Teenager in mir freut sich über das knallbunte Design und die netten Fotos der Künstlerinnen. Ein paar Sekunden später höre ich Schritte. Dann eine fröhliche Frauenstimme:

"Yo I'll tell you what I want what I really really want / so tell me what you want what you really really want"

Zig-a-zig-ah! Nein, ich schäme mich nicht. Die Experten unter euch haben gewiss schon erkannt, um welches Meisterwerk es sich bei meinem allerersten selbstgekauften Album handelte: Das Debüt der erfolgreichsten Girlgroup aller Zeiten, den Spice Girls.

Hört man das Album heute, fällt zuallererst auf, wie unglaublich schlecht der Sound gealtert ist. "Spice" klingt so sehr nach den Neunzigern, dass es durchaus als Blaupause für eine ganze Ära kommerzieller Popmusik dienen könnte. Funkige Popsongs, die niemandem wehtun, wechseln sich mit hübschen Balladen, die niemandem wehtun, ab. Der Sound wird von simplen Beats, prägnanten Streichern und Disco-Zitaten dominiert, in Verbindung mit den meist sehr eingängigen Melodien ergibt sich eine Mixtur, die auch auf musikalischer Ebene perfekt zum auf massive Geldanhäufung ausgerichteten Konzept der Band passt.

Ein Kassenschlager jagt den nächsten - nach dem oben zitierten Opener "Wannabe", dessen Video noch heute mit einem Schmunzeln angeschaut werden kann, folgen mit "Say you'll be there" und "2 become 1" direkt die nächsten Superhits. Ersteres klingt verdächtig nach "Wadde hadde dudde da?", letzteres lädt zum Gruscheln und Gruseln ein.

Im Vordergrund stehen selbstverständlich die Stimmen der fünf jungen Damen, wobei man fairerweise anmerken muss, dass eigentlich nur eine (Mel C) tatsächlich singen kann. Da beim Casting der Band aber sicherlich andere Interessen im Vordergrund standen, kann man geflissentlich über die eher dünnen Stimmchen der anderen Protagonistinnen hinweghören.

Außer den Singlehits gibt es wenig zu entdecken, was sicherlich auch daran liegt, dass die Hälfte aller Lieder als Single ausgekoppelt wurde. (Neben den bereits genannten Songs durften noch "Mama" und "Who do you think you are" die Charts entern.) Am ehesten ragt noch "Naked" aus dem Einheitsbrei heraus, ein moll-lastiger Track mit einer gar nicht mal so üblen Bridge.

Der Hype um die fünf Engländerinnen war seinerzeit beinahe grenzenlos. Während Teenies kreischend in Ohnmacht fielen, diskutierten ältere Mitmenschen darüber, ob das alles nun großer Blödsinn oder doch Zeichen eines neuen Frauenbildes sei. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo zwischen den Extremen: Die Band war in erster Linie ein der Zeit angepasster Marketingschachzug, irgendwelche tieferreichenden Interpretationen halte ich für arg an den Haaren herbeigezogen. Letzten Endes wurden immer noch die alten Mechanismen (hübsche Mädels singen hübsche Liedchen) bedient, auch wenn der Gestus, den die Künstlerinnen an den Tag legten, anders als bisher war.

Das Ende der Spice Girls kam gerade mal vier Jahre nach dem Durchbruch: Nachdem das zweite Album "Spiceworld" sowohl musikalisch als auch kommerziell halbwegs an den Erfolg des Debüts anknüpfen konnte, markierte bereits das dritte (ohne Geri Halliwell entstandene) Album "Forever" den Schwanengesang des Acts. Von den Solokarrieren der Damen ist leider bis auf das überraschend unterhaltsame Debütalbum von Melanie C. auch nicht viel hängengeblieben. (von der Hochzeit der Victoria Adams mit diesem englischen Fußballer mal abgesehen.)

Geblieben ist mir eine mittlerweile sehr verstaubte CD-Hülle und die Erkenntnis, dass ich Schlimmeres hätte kaufen können. "Spice" ist wie seine Zeit: Schön bunt, aber auch ziemlich inhaltsleer.