Samstag, 11. Mai 2013

KRACKER.TXT


Neulich im Supermarkt. Ich so beim Einkaufen, Milch, Brot, Wurst, was man eben so kauft, wenn man schlechte deutsche Comedians imitiert. Plötzlich Gitarre, ein sogenanntes Intro, dann eine knödelnde Männerstimme: "You don't know how you met me /
You don't know why / You can't turn around and say good bye..." Eine Drohung, ein Menetekel. Panik steigt in mir auf, als ich die lange Schlange an der Kasse sehe. Es gibt kein Entkommen. Ich wünsche mir einen Geisterfahrer, der das Lied unterbricht, doch nichts passiert. Ausgerechnet jetzt sind keine Untoten auf bayerischen Autobahnen unterwegs, ausgerechnet jetzt muss ich mich in diesem vermaledeiten Geschäft befinden.

Uncle Kracker, seines Zeichens One-Hit-Wonder und Vorbote der Apokalypse, ist zurückgekehrt. Er ist gekommen, um den kümmerlichen Rest meiner musikalischen Empfindsamkeit auszuräuchern, er ist hier, weil ich es wahrscheinlich nicht anders verdiene. Schreien möchte ich, weglaufen, aber ich kann es nicht. Die Wurst liegt auf dem Förderband, und Wurst lässt man nicht einfach liegen.

Als "Follow me" - so heißt der beschriebene Schlager nämlich - anno 2001 zum Hit wurde, konnte ich selbstverständlich noch nicht ahnen, dass der Song mich eines Tages an Rand des Wahnsinns treiben würde. Anfangs war alles ganz harmlos gewesen: ein weiterer, nichtssagender Radiosong eben, eine Redneck-Schnulze für Menschen, die Kuschelrock-CDs kaufen und Bon Jovi für einen harten Rocker halten, nichts, was mich persönlich tangieren müsste. Jung war ich damals. Und dumm erst!

Denn schon bald sollte sich herausstellen, dass Uncle Kracker (man beachte übrigens das ultracoole "K", das wahrscheinlich für "Kreationism" steht.) es auf mich abgesehen hatte. Oder war alles nur ein schrecklich dummer Zufall? Ich weiß es nicht, und ehrlich gesagt, möchte ich es auch gar nicht so genau wissen. Die Wunden, die ich gerade aufreiße, werden ohnehin nur sehr langsam wieder verheilen, von den wahrscheinlich zurückbleibenden Narben ganz zu schweigen.

"Follow me" ist der einzige Song, bei dem exakt sagen kann, wie oft ich ihn ab dem Zeitpunkt, als ich ihn eigentlich nicht mehr hören konnte, gehört habe. Mit der oben geschilderten Supermarktepisode sind es zum heutigen Tage 336 Mal.

So. Erstmal sacken lassen und dabei ein ungläubiges Gesicht machen. Wie konnte diese Zahl so groß werden? Nun, verrückt wie ich bin, habe ich meine KRACKER.TXT zur Hand und kann daher ein wenig Licht ins Dunkel bringen:

Allein zwischen 2001 und 2003 habe ich den Song 270 Mal erleiden müssen. Während obskurer Ferienjobs, auf Parties irgendwelcher Klassenkameraden, im Frühstücksradio, ja sogar bis in den Musikunterricht verfolgte mich diese verdammte Stück Tonschrott. Ich fing damals an, eine gewisse Paranoia zu entwickeln, und trotz einiger Versuche, verfänglichen Situationen aus dem Weg zu gehen, konnte ich dem Keksonkel nicht entrinnen. Kracker hier, Kracker da, Kracker in Amerika, würde Helge Schneider nun sagen.

Natürlich bin ich auch selbst an der ganzen Misere schuld. Hätte ich nicht eines Tages damit angefangen, über Uncle Kracker Buch zu führen, hätte sich das Lied wahrscheinlich nahtlos in die lange Reihe geflissentlich zu ignorierender Lärmbelästigungen (Rasenmäher, Klingeltöne, Ich & Ich, um einige zu nennen) eingereiht. Durch meine statistische Arbeit war mein Bewusstsein für "Follow me" allerdings immens geschärft worden, sodass ich beinahe wie ein Pawlowscher Hund reagierte, wenn des Onkels zarte Weise erschallte. Schon die ersten Töne des Gitarrenintros riefen idiosynkratische Reaktionen hervor, die eigentlich so liebreizende Stimme des Mannes gab mir dann jedes Mal den Rest. Kreissägen sind wie Mozart dagegen.

Zurück in die Gegenwart. Von "Follow me" redet heute außer mir gottlob keiner mehr, und die Wahrscheinlichkeit, von dem Lied attackiert zu werden, ist in den letzten Jahren natürlich auch stark gesunken. Ich bedanke mich daher bei allen Musikern, die nicht Uncle Kracker sind, dass sie nicht Uncle Kracker sind und gehe nun einkaufen. Hoffentlich laufen heute nur Xavier Naidoo und Phil Collins im Supermarkt. 

Falls ihr selbst eine KRACKER.TXT erstellen möchtet, habe ich hier nur für euch nochmal das Lied verlinkt. <3