Freitag, 25. Oktober 2013

Top 100, 18: David Bowie - Low (1977)

David Bowie ist ein Scharlatan. Er greift Modeerscheinungen auf, kombiniert sie mit unverkennbaren Markenzeichen seines Songwritings und Auftretens, und lässt die Welt im Glauben, er hätte sich wieder einmal neu erfunden.

Das, was Bowie daher so relevant macht, ist sein Gespür für den oftmals die falschen Orte bespukenden Zeitgeist. Sei es der langzottelige Folktroubadour zu Beginn, das wüst geschminkte Alien der frühen Siebziger oder der unterkühlte Dressman der Yuppieära - der Igel Bowie war oft genug vor dem Hasen zur rechten Zeit am richtigen Platz.

Das musikalische Werk des Briten ist ebenso vielseitig wie extremen Qualitätsschwankungen unterlegen. Denn auch wenn er lange Zeit zu den einflussreichsten Popkünstlern überhaupt gehörte, konnte er nicht immer die passende Musik zur jeweils neusten Inkarnation seiner Selbst zu Wege bringen. (Manchmal war auch einfach die Inkarnation Mist, man denke an die grässlichen Alben der späten Achtziger.)

Es steht außer Frage, dass Bowies künstlerisch produktivste und erfolgreichste Zeit die Jahre zwischen 1971 und 1979 waren. Besonders in der zweiten Hälfte der Siebziger befand sich Bowie auf einem musikalischen Höhenflug.

Maßgeblich an dieser kreativen Hochphase beteiligt war der Soundtüftler und Ambientpionier Brian Eno, unter dessen Regie Bowie die sogenannte Berliner Trilogie aufnahm. Zwischen 1977 und 79 lebte Bowie nämlich samt Entourage in der geteilten deutschen Hauptstadt und ließ sich treiben. (u.a. auch mit Iggy Pop und jeder Menge lustiger Substanzen, die einen länger wachhalten können.)

Welch tiefen Eindruck Berlin auf den Künstler gemacht haben muss, zeigt besonders das erste Album der Trilogie: "Low".

Schon die Teilung des Albums in zwei sich stark voneinander unterscheidende Hälften erinnert an die Stadt, in der es aufgenommen wurde. Während der erste Teil des Albums größtenteils aus eher konventionellen (jedoch teils recht schrägen) Songs besteht, setzt sich die B-Seite aus mehreren ineinander übergehenden Instrumentals, welche eindeutig die Handschrift Enos erkennen lassen, zusammen.

Der experimentelle Charakter des Albums zeigt sich bereits im Opener "Speed of life", der einen soliden Funkrhythmus mit kaputten Synthesizern kombiniert. Die danach folgenden Songs sind allesamt kurz und fast schon skizzenhaft, sie beginnen irgendwo in der Mitte und hören ebenso unvermittelt wieder auf.

Das Schlüsselstück der A-Seite ist sicherlich das programmatische "Sound and vision", welches fröhlich daherhüpfend von einer neuen Ära kündet. "Don't you wonder sometimes about sound and vision?", fragt Bowie unbeteiligt, während die Musik mit mindestens einem Bein in die Zukunft hineintanzt. 

Auch wenn die Popsongs sicherlich alles andere als schlecht sind, offenbart sich die wahre Größe des Albums erst in der avantgardistischen zweiten Hälfte. Minimal music und Ambient standen Pate für die wohl gewagtesten Stücke, die Bowie in seiner Karriere aufgenommen haben dürfte.

Besonders über "Warszawa" und das das Album beschließende "Subterraneans" könnte ich Romane schreiben. Nur wenige anderen Kompositionen, die ich kenne, wohnt solch eine tiefe Traurigkeit inne. Totengesänge für im Staub versinkende Industrieruinen. Das Saxophon, das durch die zweite Hälfte von "Subterraneans" geistert, garantiert Gänsehaut. 

"Low" ist kein alltagstaugliches Album. An manchen Tagen entfaltet es jedoch eine unvergleichliche Sogwirkung.