Mittwoch, 2. Oktober 2013

Top 100, 21: Tool - Lateralus

21 Tool - Lateralus (2001)
Wenn Musik mit Adjektiven wie "progressiv" versehen wird, sollte man vorsichtig werden. Nicht selten bedeutet Progressivität lediglich, dass allzu gewöhnliche Songstrukturen aufgebläht und mit mehr oder minder arbiträren Elementen (Tonartwechsel! 7/13-Takt! Amorphes Gemüse!) zu einem schwer genießbaren Brei vermengt werden. Nicht kompensierte Zurückweisung im Kindesalter mag eine Ursache für die Existenz jener Berufsonanisten sein, vielleicht ist es aber auch einfach nur die Taubheit jener Menschen, die Musik als Sport verstehen.

Es gibt jedoch Ausnahmen. Künstler, denen es gelingt, tatsächlich neue Ansätze zu vertonen. Bands, die sich einen Dreck um sechsminütige Gitarrensoli scheren und stattdessen die vergehende Zeit lieber mit Substanz füllen. Bands wie Tool. Vier Männer aus dem Westen der USA, die seit Mitte der Neunziger einem ganzen Genre ihren Stempel aufgedrückt haben.

Waren die früheren Werke von Tool noch eher straighte Angelegenheiten, zeigte sich schon auf dem 1996er-Meisterwerk "Aenima" (über das noch zu reden sein wird), dass "Metal" ein viel zu kurz greifender Begriff ist, um die Musik adäquat zu beschreiben. Die Band überschritt Grenzen.

Die Erwartungen an "Lateralus", das 2001 veröffentlicht wurde, waren daher extrem hoch. Und sie wurden erfüllt, wenngleich anfangs das Erstaunen überwog. Zu bombastisch, zu vertrackt waren die Songs - die ungezügelte Aggressivität von "Aenima" flammte nur vereinzelt auf. Beinahe jedes Lied auf "Lateralus" ist ein für sich stehendes Epos mit einer ganz eigenen Atmosphäre.

Das das Album eröffnende "The grudge" ist daher alles mögliche, nur keine halbe Sache. Acht Minuten und sechsundreißig Sekunden dauert der Song, und in dieser Zeitspanne errichtet die Band ein bombastisches Soundgebirge, nur um es in den letzten Sekunden des Tracks mittels boxensprengendem Klanggewitter zum Einsturz zu bringen.

Dabei sind die Grundzutaten eines Tool-Songs relativ profan: Simple Gitarrenriffs, synkopierte Drumgrooves und ein Bass, der sich nicht zu schade ist, sich als Melodieinstrument zu verdingen. Erst die Summe der einzelnen Teile offenbart die wahre Größe der Musik: Die Art und Weise wie sich einzelne Motive überlagern mag beim ersten Hören verwirrend wirken, je öfter man sich jedoch dem Album aussetzt, desto mehr greifen die Zahnräder ineinander.

Ein Paradebeispiel hierfür ist das Lied "The patient", welches relativ gemächlich beginnt und erst gegen Ende aus der Haut fährt. Die komplexe Rhythmik des Songs ringt mit der nicht minder ausufernden Gesangsmelodie Maynard James Keenans, der auf "Lateralus" wohl auf der Höhe seines Könnens angelangt war. Egal ob leichtes, leises Säuseln oder infernalisches Geschrei - Keenan kann alles, und wirkt nicht angestrengt dabei.

Mit "Schism" und "Parabola" befinden sich auch zwei zugänglichere Nummern auf "Lateralus", gerade letzteres ist dank seines eingängigen Riffs und des ausnahmsweise sich an standardisierte Schemata haltenden Arrangements fast schon Pop.

Mein ganz persönlicher Favorit des Albums ist jedoch der Titelsong. Über neun Minuten dauert "Lateralis", und jede einzelne verdammte Sekunde ist fantastisch. Besonders der zweite Teil des Stücks ist schlicht atemberaubend. Ausgehend von vier primitiven Basstönen werden wellenförmig neue Elemente zur Musik addiert, bis schließlich alle Dämme brechen. Die Tatsache, dass der verschachtelte Groove des Schlussparts einer Fibonacci-Folge ähnelt, soll indes nicht unerwähnt bleiben. Ein wenig spinnert sind sie dann doch, diese Werkzeugmänner.

Womit wir bei Danny Carey wären. Was der Mann auf "Lateralus" veranstaltet, treibt jedem trommelaffinen Menschen die Freudentränen in die Augen. Verzahnte polyrhythmische Figuren? Check. Mühelos aus dem Ärmel geschüttelte Taktwechsel? Check. Höllisch präzise Hochgeschwindigkeitsfills? Check. Und trotz aller Technik und Virtuosität bleibt Careys Spiel stets musikalisch, das gefühllose Gepose anderer Schlagzeuger im Progressive Metal-Genre sucht man vergebens. Carey hat acht Arme, vier Beine und zwei Gehirne, und er weiß diesen biologischen Vorteil äußerst beeindruckend zu nutzen.

Leider fällt das letzte Drittel des Albums ein wenig ab, vor allem "Triad" ist ein paar Minuten zu lang geraten - was jedoch nichts daran ändert, dass "Lateralus" ein Meilenstein der Rockmusik ist.